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Der Jude · 1919-01-01 · Heft 1-2 · p. 71

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
4 (1919-1920)
Issue
Heft 1-2
Article
Halacha und Aggada
Date
1919-01-01
Page
71 (sequence 11)
Language
German
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Halacha und Aggada 71 die wirklich wie das personifizierte Leben des Volkes in seiner Vergangenheit aussehen, deren Frische bis auf den heutigen Tag nicht gewichen ist und deren Lebensfähigkeit auch in der Zukunft kein Ende zu haben scheint. Wenn diese „Gefäße des Lebens" zeitweilig in einen Winkel gestellt werden, ist dies noch kein Beweis für ihre Untauglichkeit. Es ist ein großes Gesetz: Jede Lebensform stellt während ihrer Schöpfung, das heißt solange sie noch stetig ist, selbst einen Inhalt im Geist ihres Schöpfers dar. Sobald ihre Schöpfung vollendet ist und sie in den Bezirk der Menge hinaustritt, das heißt, sobald sie losgerissen wird, sinkt sie zum Instrument herab und hat weiterhin kein eigenes Wesen mehr, sondern jedermann findet in ihm, was er selbst in es hineinlegt, so oft er es benutzt. Alles kommt ihm vom Menschen und von dem Geist des Menschen zu, dem es als herrenloses Gut zufällt. Legt er Gold in es hinein — findet er Gold, Staub — Staub. Weiß er nichts in es hineinzulegen, so hat er die Macht in der Hand, es liegen zu lassen, bis es rostet. Aber solch einer soll nicht sagen: Das Instrument taugt nichts, werft es zum Unrat, sondern sollte sagen: Ich bin arm. Ist es noch nötig, über Halacha und Aggada, über ihr wechselseitiges Bedingtsein als zwei selbständige, aber einander doch benötigende, Gestaltungen oder Stile des Schrifttums besonders zu reden? Die obigen Ausführungen über Halacha und Aggada von Seiten ihres eigentlichen Wesens, als zwei besondere Lebensformen oder-Stile, würden wohl auch für diesen Gegenstand genügen, denn was ist die Literatur anderes als „schriftliches Leben"? Freilich, da unter unseren heutigen „Meistern der Aggada" die Neigung besteht, der Literatur „Autonomie" zu verleihen („l'art pour Part") und manche sie „über das Leben", das heißt: außerhalb davon stellen, kann man, was sie angeht, keinerlei Vertrauen hegen, daß die obigen Ausführungen sie belehren werden. Vielmehr kann man sich des Gegenteils versichert halten: ob sie nun einiges davon zugeben oder nicht, es ist klar, wer zu ihnen kommt und sagt, auch die schriftliche Halacha könne noch, ebenso wie ihre Schwester, die Aggada, die Grundlage eines bedeutenden Bezirkes im lebendigen Schrifttum darstellen, setzt sich der Gefahr aus, in ihren Augen als einer zu gelten, der sein Leben lang nichts von „Schönheit" gekostet hat, oder wie jener Litauer angesehen zu werden, der am Ssimchath Thora verzückt: „Wenn ein Ochse eine Kuh stößt" singt*). Halacha und Literatur — unmöglich! Gibt es denn größere Gegensätze? Welches Kind weiß heute nicht, daß zur Literatur schlechthin nur die Aggada gehört, die Aggada nach all ihren Bedeutungen und Zweigen und ohne zeitliche Einschränkung: von den Erzählungen, Visionen und Dichtungen der Bibel bis zur schönen Literatur unserer Tage. Aber hat die Halacha etwa Duft und Aroma, hat sie etwa Lebensfrische? Gibt es in ihr etwa Schönheit? Die Argumente der Streiter für die Aggada gegen die Halacha sind freilich keineswegs besonders neu und „waren schon vor Zeiten da". Noch die Meister des Talmud wissen hierüber so und so viele Geschichten und Gleichnisse zu erzählen, nur daß sie zu dem Resultat kamen, die Halacha sei „Goldklumpen" und die Aggada „kleine Münze", während unsere Aggadisten überzeugt sind, die Halacha falle überhaupt nicht unter den Begriff der Literatur und stamme nicht von oben. Haben sie mit ihrem Urteil recht? Wäre wirklich die Halacha, die ganze Halacha ohne Ausnahme, ein unfruchtbarer Baum in der Literatur? *) Anfangsworte einer berühmten talmudischen Diskussion (Anmerk. des Übersetzers),

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