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Der Jude · 1919-01-01 · Heft 1-2 · p. 70

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
4 (1919-1920)
Issue
Heft 1-2
Article
Halacha und Aggada
Date
1919-01-01
Page
70 (sequence 10)
Language
German
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70 Chaim Nachman Bialik: ihnen Ehre erweisen. Ein finsterer in die Berge gesprengter Tunnel kürzt uns oft den Weg um so und so viele Meilen ab und bringt uns plötzlich unter einen neuen Himmelsstrich; so versetzt uns manchmal ein altes, dunkles und geheimnisvolles Rudiment, wenn wir in sein Inneres einzudringen suchen und „seinen Lippen Sprache verleihen1*, unversehens und mit einem Sprunge jenseits von tausend Generationen. So ist beispielsweise die Kleidung des Juden in bezug auf die sie betreffenden Gebote — wie dies ein alter Midrasch wundervoll andeutet — die volle und sinnfällige Verkörperung der ... ja, wovon meint ihr? — der Aggada von Kain und Abel*). Ähnlich verhält es sich mit dem Verbot, die junge Ziege nicht in der Milch ihrer Mutter zu kochen**). Es hat seine Grundlage und Wurzel in den alten Opferordnungen des Wochenfestes in seiner ältesten Zeit, als es noch nicht das „Fest unserer Gesetzgebung", sondern ein bloßes Erntefest war, und die Bauern, die sich ihrer Ernte freuten, dem Gad und der Astarte — den Göttern des Glückes und der Fruchtbarkeit — eine Opfermahlzeit rüsteten: eine junge Ziege (Gedi) — als Symbol des Segens und der Fortpflanzung***)—, die in der Milch ihrer Mutter gekocht war. Und was das Wunderbarste ist: bis heute besteht in Israel der Brauch — ein Brauch, um dessen Gründe sich alle Forscher gestritten haben —, am Wochenfest nach der fleischigen etwas eher als gewöhnlich eine milchige Speise zu essen, und die besonders Skrupulösen essen in Mandelmilch gekochtes Fleisch. Solche Überraschungen begegnen denen, die sich mit diesen Dingen befassen, in nicht geringer Anzahl. Man sieht, in welchem Maß selbst solche rudimentären Satzungen, wie ein Kind mit dem Schoß seiner Mutter, mit der ganzen mythologischen und aggadischen Symbolik des Volkes zusammenhängen. Aber zugleich mit diesen „Chukkim" gibt es in der Tat so und so viele große Halachoth, *) Das Scha'atnes-Verbot: Wolle und Leinen an einem Gewand (Deuteron 22,11) ist eine Andeutung der Feindschaft und des Zwistes („Jeder, der mich findet, wird mich erschlagen* Gen. 4,14) zwischen den Schafzucht treibenden Stämmen, die sich in Wolle kleideten und den ackerbautreibenden, die Leinwand trugen. Unmittelbar auf das Scha'atnes-Verbot fo gt „Du sollst dir Quasten machen" (für die nach der talmudischen Überlieferung das Scha'atnes- Verbot nicht gilt), die ebenfalls vielleicht mit ihren Schlingen und Knoten — Erinnerungszeichen, wie solche vielen primitiven Stämmen als eine Art von Schriftzeichen dienten — nichts anderes sind als an der Kleidung angebrachte äußere Kennzeichen des Friedensbundes, der zwischen jenen kriegerischen Stämmen geschlossen wurde, nachdem die Feindschaft zwischen ihnen erschlafft war und sie sich zu nähern und auch miteinander zu vermischen begonnen hatten. („Und Gott machte dem Kain ein Zeichen, damit ihn nicht irgendeiner, der ihn träfe, erschlüge.") Die alten Hebräer, die aus der Vermischung der Schafzucht treibenden, nomadisierenden Stämme — als Beispiel für sie das Haus Abrahams und das Jakobs — mit den im Lande fest ansässigen — das Haus Isaaks — hervorgingen, bewahrten an ihrer Kleidung Rudimente der Bräuche zwei verschiedener Epochen zusammen, und auch der Gesetzgeber im Deuteronomium schrieb sie, unter Verheimlichung ihres Grundes, nebeneinander nieder, sei es, weil dieser in seinen Tagen schon in Vergessenheit gesunken war und seine Lebenskraft aufgehört hatte, sei es, um den inneren Gegensatz zwischen dem Gebot und dem Verbot nicht hervortreten zu lassen. Der für die Zizith in einem späteren Abschnitt (in Numeri) angegebene Grund ist zweifellos zugesetzt, ebenso wie das „Andenken an den Auszug aus Ägypten" bei den Festen. **) Das zweimal in den ältesten Quellen — im Abschnitt Mischpatim (Exodus 23,13) und auf den zweiten Tafeln (34,26) — in einem Vers mit dem Erntefest vorkommt. ***) Man denke an die Ziegenböcklein im Segen Isaaks (Gen. 27,16), das Ziegenböcklein bei Juda und Tamar (Gen. 38,17), an das „und er besuchte sein Weib mit einer jungen Ziege«' in der Simsongeschichte (Richter 15, 1). Diese Erklärung habe ich von dem „Alten", Rabbi Mendele, gehört.

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