Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 1-2
- Article
- Halacha und Aggada
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 69 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Halacha und Aggada 69 Nein, die Halacha ist keineswegs die Negierung des Gefühls, vielmehr seine Bewältigung. Sie hebt nicht die Ordnung des Erbarmens in der Ordnung der Strenge auf, sondern fügt beide in eins zusammen. Ihre Starre ist die jeder durchgeformten und Bestand anstrebenden Kraft, die symbolische Ordnung der Macht (G'wura) in der Liebe (Chessed), als welche (in der Kabbala) die Ordnung der Schönheit (Tiphereth) ist. Gibt es ein härteres Urteil als die gerichtliche Todesstrafe? Und wiewohl „ein Fluch auf Gott ist ein Gehenkter", ein Bild der Gestalt des Königs, ein Ebenbild Gottes ist doch auch der Gehenkte. Und „wenn jemand sich grämt — wie spricht die Schechina? Mein Haupt ist mir zu schwer, mein Arm ist mir zu schwer". Die Schechina verwundet sich gleichsam selbst und klagt sich selber an. Es gibt Erbarmen — aber darüber gibt es noch ein größeres, das Erbarmen des Vaters, das mit höheren Augen sieht und sich selbst zu Zeiten um der Zukunft willen überwindet, und beides ist Erbarmen des lebendigen Gottes. Frage ein Kind und es wird dir sagen: „Der Ewige, der Ewige ist ein huldreicher und barmherziger Gott", und trotzdem: „Wer in seinem Gebete spricht: bis auf ein Vogelnest erstreckt sich dein Erbarmen, den heißt man schweigen, denn er läßt die göttlichen Normen aus Erbarmen entspringen, und sie sind nurmehr Befehle", Erbarmen über dem Erbarmen, Sicht in die Zukunft. Nicht ohne Grund beugte das jüdische Volk, jedenfalls seine große Mehrheit, seinen Nacken unter das eiserne Joch der Halacha, und nicht nur das, sondern, wenn es auf die Wanderschaft hinauszog, nahm es gern die schwere Last der Satzungen und Halachoth mit auf den Weg „und ließ — nach dem Ausspruch S. D. Luzzatos — die Dichtungen, die Herz und Seele Freude bringen, zurück". Dieser Anblick brachte Luzzato seiner Zeit zu solcher Begeisterung, daß er ausrief: „Wie heilig ist dieses Volk!" Und was sagt ein Meister der Halacha selber? „Wer auf einem Wege geht und lernt und sich inseinem Studium unterbricht und spricht: Wie schön ist dieser Baum, wie schön ist dieses Feld, dem rechnet es der Schriftvers an, als wenn er sich an seiner Seele versündigt hätte." Die Ästheten unter uns haben all ihre Pfeile gegen diese arme Mischna verschwendet, aber wer auf den Geist achtet, wird auch aus ihr zwischen den Zeilen das Rauschen des Herzens und die zitternde Sorge um das künftige Schicksal eines Volkes heraushören, das „auf dem Wege geht" und nichts mehr von seinem Besitz in der Hand hat als ein Buch, und dessen ganzer innerer Zusammenhang niit irgendeinem seiner Aufenthaltsländer nur auf seinem Geiste beruht*). Natürlich sind nicht alle Halachoth gleich und haben nicht alle denselben Lebenswert. Es gibt unfruchtbare Halacha, die nur einen Stamm hat, und solche, die Früchte und Früchtesfrüchte trägt Manche ähnelt einem völlig leeren Gefäß, das in einem Winkel steht, bis seine Zeit kommt, und manche einem Gefäß, das wie geschaffen scheint, sich zu entleeren und jedesmal, ohne Unterbrechung dazwischen, mit neuem Inhalt zu füllen. Manche Halachoth sind auch wie Sarkophage für einbalsamierte Tote; sie heißen in der Sprache der Überlieferung „Chukkim", das heißt: Dinge, deren Grund verborgen und deren Absicht unbekannt ist. Stücke uralter Mythen und Aggada liegen in ihnen in ewiger Verborgenheit, aber ihre versteinerten Abdrücke haben sich noch erhalten, um die Menschen in Erstaunen zu setzen und den Eifer der Altertumsforscher seit jeher anzureizen. Freilich wird, wer auf das Innere sieht, auch ,äJ) Diese Erklärung habe ich von Achad-Haam gehört.