Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1919-01-01 · Heft 1-2 · p. 68

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
4 (1919-1920)
Issue
Heft 1-2
Article
Halacha und Aggada
Date
1919-01-01
Page
68 (sequence 8)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3101111-3101150-3101152-3104179--3102-3104272
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

68 Chaim Nachman Bialik: „Man darf nur auf Hebräisch unterrichten, nach den Worten der Weisen. N. N. sagt: Hebräisch und in jeder beliebigen Sprache .... M. M. sagt: jüdische Gegenstände auf Hebräisch, und allgemeine in jeder Sprache. Rabbi N. M. sagt: man darf einzig und allein auf Jüdisch unterrichten." Und der Kommentator der Zukunft wird dazu erklären: „auf Jüdisch — das will sagen jüdischdeutsch, das die Juden zur Zeit und im Land des Rabbi N. M. sprachen, und es ist nicht das Jüdisch der Schrift, als welches Hebräisch ist. Denn wäre dem so, welche Differenz bestände zwischen Rabbi N. M. und dem ersten Autor?" Jene obige Halacha, die als Beispiel zitiert wurde, ist keine Ausnahme, Ihresgleichen gibt es haufenweise. Und ich bezweifle überhaupt, ob es eine Halacha gibt, die nicht mehr oder weniger einen Ort in der geistigen Welt hat, die nicht aus einer hohen individuellen, sozialen oder nationalen Idee ihre Kraft saugt. Letzten Endes ist auch die Halacha nichts anderes als eine der Formen, in die der schöpferische Geist der Menschen sich kleidet — und wer kennt den Weg des Geistes? „Man darf (am Sabbath) weder mit dem Schwert noch dem Bogen noch dem Panzer noch der Lanze ausgehen .... Rabbi Elieser sagt: sie sind ein Schmuck für ihn*) (und er darf mit ihnen ausgehen). Die Weisen aber sagen: sie sind durchaus ein Schandmal für ihn, denn es heißt: und sie sollen ihre Schwerter zu Pflugscharen umschmieden und ihre Lanzen zu Rebmessern, nicht soll Volk gegen Volk das Schwert erheben, und den Krieg soll man fürder nicht mehr erlernen." Hier findet man also Begriffe von schöner und häßlicher Kleidung — und woher? Aus den Worten des lieblichen Sängers und des größten Propheten. Und bei welchem Gegenstand? Beim Tragen am Sabbath. Alle Einzelheiten des Traktats Berachoth sind nichts anderes als Gefäße und Einkleidungen für die erhabene Erkenntnis, daß „Gottes die Erde und ihre Fülle" ist, und für das Gefühl der dauernden, an jedem Tage neuen Entzückung angesichts der Herrlichkeit der Natur und ihrer Mannigfaltigkeit. „Der Böse gilt schon im Leben als tot, da er die Sonne aufgehen sieht und den, ,der das Licht bildet', nicht preist, sie untergehen sieht und den, ,der die Abende dämmern läßt', nicht preist, ißt und trinkt und keinen Segensspruch spricht; aber die Gerechten sprechen Segenssprüche über all und jedes, was sie essen, trinken und vernehmen" (Tanchuma, im Abschnitt „w'soth habracha"). „Über schöne Bäume und Lebewesen spricht man: Gepriesen sei, in dessen Welt es solches gibt." Und „man erzählt von Rabban Schimeon ben Gamliel, dem Patriarchen Israels, daß er auf dem Söller des Tempelberges stand und eine außerordentlich schöne Heidin sah; da rief er — als Segensspruch — den Psalmvers aus: wie groß sind deine Werke, Gott." Und „wenn einer sagt: wie schön ist dieses Brot, gepriesen sei, der es geschaffen hat, wie schön sind diese Feigen, gepriesen sei, der sie geschaffen hat — so gilt das als Segensspruch über sie" (Tossephta Berachoth). Welche Aufgeschlossenheit des Herzens und der Sinne! Und eben jene harte und grausame Halacha, die die Trauer am Sabbath verbietet und nur ungern Trauernde zu trösten erlaubt, sagt mit feinem Gefühl: „Wer am Sabbath weint, um sein Leid leichter zu tragen, für den ist das seine Sabbathfreude" (Rabbi Akiba in der Tossephta Sabbath). *) Wie es (Psalm 45, 4) heißt: „Gürte dein Schwert um die Lende, Held, deine Pracht und Herrlichkeit.'*

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.