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Der Jude · 1919-01-01 · Heft 1-2 · p. 67

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
4 (1919-1920)
Issue
Heft 1-2
Article
Halacha und Aggada
Date
1919-01-01
Page
67 (sequence 7)
Language
German
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IRI
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Halacha und Aggada 67 Wir sehen weiter: da steht Rabbi Jochanan ben Sakkai vor Vespasian hinter den Toren Jerusalems und bittet: Gib mir Jabneh und seine Gelehrten und die Kette Rabban Gamliels. Auch er rettet die Reste der Heiligen aus dem Brand. Und weiter sehen wir: ein achtzigjähriger Greis, Rabbi Jehuda ben Baba, sitzt zwischen zwei hohen Bergen zwischen Uscha und Schefaram und erteilt unter den feindlichen Geschossen fünf Gelehrten die Ordination und spricht dann zu ihnen: Flieht, meine Kinder. Und er bleibt vor den Feinden zurück „wie ein Stein, den man nicht fortwälzen kann", und ist alsbald wie ein Sieb. Und ferner: Im Lehrhaus des Rabbi Jehuda Hanassi und seiner Schüler ist große Bewegung. Alle Hände sind voll Arbeit: man verhandelt über Halachoth, sichtet Überlieferungen, fordert „Zeugnisse" über Traditionen ein, ordnet, korrigiert und schreibt nieder — sie zeichnen die mündliche Thora in einem Buche auf! Sie wissen, daß sie eine „Revolution" in der Überlieferung Israels vollbringen — Worte der mündlichen Thora bist du nicht aufzuschreiben befugt — aber „wenn es Zeit ist für Gott zu wirken, dürfen siedeine Thoravernichten"*): die Menschen nehmen ab, die Zerstreuung zu, und das Vergessen wird stärker. Man muß retten, was möglich ist. Und weiter: Die vier gefangenen Rabbinen bringen den Talmud nach Spanien . . . das Werk Maimunis ... die Übersetzerfamilie der Tibboniden eilt, die wertvollen Werke von großer nationaler Bedeutung aus der fremden in die heilige Sprache zu übertragen ... Und weiter: Scharen auf Scharen von Juden, dem Schwert und dem Wirrsal entflohen, Geschlecht auf Geschlecht, ziehen und wandern auf den Straßen, und ihre Arme umklammern Thorarollen. Wie viele einzelne, namenlose Juden, Diener, Schneider, Schuster sterben vor dem Thoraschrank bei der Verteidigung ihres Heiligsten. Wie viele stille "und fromme Männer, verborgene Gerechte, nehmen freiwillig das Exil auf sich, irren mit ihrem Stab und Bettelsack von Ort zu Ort, und jeder hat ein Buch, das ihm besonders heilig und lieb ist, in seinem Tallith- und Tephillinbeutel. Und immer weiter und weiter . . . Natürlich wechseln in allen diesen Gesichten die Personen, der Stoff des Heiligen und die Mittel der Rettung, aber der innere geistige Gehalt ist in allen identisch: die Rettung besonders wichtigen Volksgutes vor der Vernichtung, im Einklang mit der Neigung und Anschauung des Retters. Wem folgt die Halacha? Dem, der meint: „nur in der heiligen Sprache" oder dem, der meint: „auch in der Übersetzung und jeder Sprache"? Die Antwort darauf müssen wir aus dem Munde der Historie und des Lebens fordern, und vielleicht zeigt sich, daß auch sie wie jene Mischna die Frage strittig läßt. Wir haben hier nicht darüber zu entscheiden, für uns ist es nur von Wichtigkeit, zu zeigen, in welchem Maß eine kleine und dürre Halacha sich manchmal bis zum Rang eines Symbols zu erheben vermag, wenn ihr spröder Stoff in den Schmelzofen des lebendigen Gefühls fällt und dort wieder zur Aggada umgeschmolzen wird. Und ich bin sicher, daß auch die Sprachenaggada unserer Tage, wenn sie dessen würdig ist, sich immer mehr konzentrieren und schließlich ebenfalls eine neue Halacha werden wird, die den Ansichten und Erfordernissen jener Zeit entsprechend in kurzen und dürren Worten etwa so formuliert werden wird: *) Talmudische Deutung von Psalm 119,126. (Anmerk. des Übersetzers.) 5*

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