Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 1-2
- Article
- Halacha und Aggada
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 66 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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66 Chaim Nachman Bialik: sei Er, sich affenbarte, um Israel die Thora zu geben, offenbarte er sich nicht in einer, sondern in vier Sprachen: hebräisch, lateinisch, arabisch und aramäisch/* „Jener Tag, an dem die Thora ins Griechische übersetzt wurde, war für Israel so schwer wie der Tag, an dem das goldene Kalb verfertigt wurde, und in Palästina herrschte damals drei Tage Finsternis." „Als Jonathan ben Usiel die Propheten ins Aramäische übersetzte, erbebte Palästina vierhundert Meilen weit/* Diese und viele ähnliche Aussprüche, die das Echo der zwiespältigen Stimmung des Volkes darstellten, sind der aggadische Ausdruck des Sprachenproblems, und die obige Mischna, die ja auch den Zwiespalt wiederholt, ist das notwendige Ende jener Aggada in halachischer Prägung, ein kurzes, praktisches Resultat in strenger und reifer Form. Dort strömende, hin- und herwogende und erregte Lyrik, und hier ruhige, fest bestimmte Epik. In tiefer Einsicht ist hier der Moment des Brandes gewählt, die Stunde der Verwirrung und Gefahr, wo niemand überlegt, sondern jeder der Weisung seines Herzens folgt und hinspringt, um das zu retten, was ihm am teuersten ist Der Brand ist also nur mehr ein Gleichnis (sagen auch die Weisen in der Diskussion darüber), und dieselbe Vorschrift gilt für Überschwemmung, Vertreibung und alle Gefahren. Und so entfaltet sich aus dieser kleinen Einzelheit dem Betrachter unversehens eine große historische Gesetzlichkeit, die Entscheidung eines ganzen Volkes, das im Exil auseinandergerissen und gestoßen wird, das seinen gesamten Besitz nicht zu retten vermag und doch nicht das Ganze herrenlos werden lassen will — was und wie soll es am Tag der Drangsal und Gefahr tun und handeln? Der Mischnalehrer sprach gewiß nicht in Gleichnis und Metapher, seine Absicht ging allein darauf, für das Handeln eine, nach ihrem einfachen Sinn zu nehmende, Norm (Halacha) festzustellen, und allerhöchstens darauf, dem Willen oder auch dem überkommenen Gebrauch des Volkes, soweit sie sich bis dahin dargestellt hatten, eine gültige Ausprägung zu geben, der eine in Gestalt einer Aggada, der andere in Gestalt eines beliebigen praktischen Falles. Und all jene Tausende von Einzelnen aus allen Zeiten, die unter Selbstaufopferung in der Zeit der Gefahr aus der Vernichtung retteten, was zu retten war — auch sie sannen, ob sie nun dem ersten Autor oder Rabbi Jose folgten, allein darauf, die Vorschrift nach ihrem einfachen Wortsinn zu erfüllen. Aber nicht darauf kommt es an. Ob bewußt oder unbewußt — alle vollbrachten sie die Sendung des Volkes. Und wenn wir heute vor unserem ärmlichen Schatze stehen und traurig klagen: nur diese Thora ist uns übrig geblieben, so wissen ja wir und unser Herz, daß selbst dieser geringe Rest nur durch das Verdienst jener Einzelnen gerettet wurde, die jeder zu seiner Zeit und an seiner Stelle das Gebot ihres Herzens als Halacha aufstellten. Solche geästige Betrachtung jener Halacha genügt schon, um sie ein wenig aus ihrer Verschalung zu lösen, sie zum Rang eines Symbols zu erheben. Der wache Sinn freilich begnügt sich damit nicht, sondern läßt weiter, im Zusammenhang mit jener Halacha und ihrem Gegenstand, Gesicht um Gesicht an unseren geistigen Augen vorüberziehen. Wir sehen zum Beispiel, mit Renan, den alten Priester-Leviten, wie er mit dem Exil nach Babylon zieht und langsam neben seinem Esel einhergeht, dem viele Bücherrollen mit Prophetenreden aufgeladen sind. Er rettete die heiligen Schriften aus dem Brand.