Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 1-2
- Article
- Halacha und Aggada
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 65 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Halacha und Aggada 65 zu derselben Zeit saßen die Weisen Israels in ihren Lehrhäusern, ,und auch sie suchten in Inspiration und reinstem Gefühl harmonische Maße und innere Gestalt etwa im Wohltun, um in ihnen den Menschen selbst zu verschönen, „die Kreatur zu läutern". Ich entscheide nicht darüber, wem der Vorrang gebührt, aber ich bin überzeugt, daß beides schöpferische Werke sind, Ideen, die sich konkretisierten, Gedanken, die durch den bildnerischen Menschengeist verwirklicht wurden; in beiden findet die Ordnung der Schönheit ihren Ort und entfaltet sich in ihrer ganzen Erstrahlung, beide bedürfen der Inspiration und himmlischen Gnade. Ihre Differenz liegt nur im Material und den Mitteln, gleichwie die zwischen den Bezirken der gemeinhin als solche anerkannten Künste, etwa zwischen Malerei und Musik. Freilich aber existiert auch. ein grundlegender Unterschied: die Schöpfungen der sonstigen Künste wenden sich an den Menschen als Individuum, und sind wie gesagt im Material, im Raum und in der Zeit einheitlich und konzentriert; daher werden sie auf einmal, sofort und unmittelbar erfaßt. Dies ist bei den Schöpfungen der Halacha nicht der Fall, die sich zugleich an die Gesamtheit richten, deren Bestandteile sich im Material, in Raum und Zeit über einen großen Bezirk erstrecken und deren reines Antlitz also, das aus allen ihren Teilen emporsteigt, der Erkenntnis erst nach langem Nachdenken und aus großer Höhe erfaßbar wird. Baute man eine große Stadt nach der mächtigen schöpferischen Idee eines künstlerischen Architekten, so würde man nur aus dem Grundriß oder von der Spitze einer hohen Warte aus das reine Antlitz jener Idee erkennen und ihre-Schönheit in ihrer Totalität erfassen, keinesfalls aber aus dem Promenieren auf den Straßen zwischen den Häusern, wo die Einzelheiten das Ganze beeinträchtigen. „Man sieht den Wald vor Bäumen nicht" — das ist ein altes und weises Sprichwort. Aber wird dadurch etwa die Schönheit und Vollkommenheit der Gestalt der Idee geringer? Wer sich ihrer freuen will, dem ist gesagt: steige empor auf den Bergl Doch kommt es vor, daß zuweilen selbst aus irgendeiner halachischen Einzelheit eine ganze Welt von Aggada, die sich in ihr verbirgt, über uns aufleuchtet. In jenem Traktat Sabbath, und am gleichen Ort der Tossephta, findet sich zum Beispiel folgende Halacha eingeschaltet: „Alle heiligen Bücher darf man (am Sabbath) aus dem Brand retten .. . Sind sie aramäisch oder in irgendeiner anderen Sprache geschrieben — ägyptisch, persisch, elamisch oder griechisch — so darf man sie aus dem Brand retten; Rabbi Jose aber sagt: man darf sie nicht aus dem Brand retten". Ein kleine halachische Einzelheit, ein bedeutungsloser Streit — was sonst? Und doch wer erkennt nicht sofort, daß diese kleine und dürre Halacha in großartiger Kürze und doch denkbarster Fülle ein vollständiges Bild der historischen und geistigen Beziehung verschiedener Gruppen des Volkes zu zweien seiner vornehmsten Güter: seinem Schrifttum und seiner Sprache enthält. Wer sähe fticht, daß dieser Streit der Mischna eben jener „Sprachenkampf" ist, der sich in Israel von damals bis heute hinzieht „Das Aramäische gelte nicht gering in deinen Augen, denn sieh, Gott hat ihm Herrlichkeit zugewiesen." „Man äußere seine Wünsche nicht auf Aramäisch, das die Engel des Dienstes nicht verstehen." „Als der Heilige, gelobt sei Er, kam, um Israel die Thora zu geben, sprach er zu ihnen in der Sprache, die sie kannten und verstanden: der ägyptischen Sprache." „So sollst du sprechen .... zu den Kindern Israel — in der Sprache, die ich spreche, in der heiligen Sprache." „Als der Heilige, gelobt ttaft r/2,