Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 1-2
- Article
- Halacha und Aggada
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 64 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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64 Chaim Nachman Bialik: des Schöpfungswerkes in die Welt treten ließ, „daß dem gemalten und getäfelten Baldachin die Braut nicht fehle4'. Sie ist es, die Gottes kostbarstes Kleinod in seinen Schatzkammern war, und zu der er kein schickliches Gegenstück fand außer Israel. Einer andern volkstümlichen Aggada zufolge sitzt sie wie eine Prinzessin, „wie eine Braut zwischen ihren Gespielinnen buntgeschmückt" verborgen in einem Palast im Paradies, im innersten von sieben Gemächern, und ihre sechs Mädchen, die sechs Werktage, bedienen sie. Bei ihrem Eintritt in die Stadt wenden alle ihr Antlitz gegen das Tor und empfangen sie mit dem Gruße: „Willkommen, o Braut, willkommen, o Braut, Königin Sabbath". Und Fromme gehen, um sie zu empfangen, hinaus aufs Feld. Einst kam sie auch im Traum zu Ibn Esra und war traurig und betrübt und ließ einen Brief an ihren Ehegemahl Israel in seiner Hand, das ist das berühmte „Iggereth Schabbath". Alle Dichter Israels, von Rabbi Jehuda halewi bis Heine, sangen ihr ihre Lieder und Gesänge. Ist sie nicht eine durchaus aggadische Schöpfung? Ist sie nicht selber ein Quell des Lebens und der Heiligkeit für eine ganze Nation und ein unversieglicher Born der Inspiration für die Dichter und Sänger? Und trotzdem! Wer könnte sagen, wer entscheiden, wessen Schöpfung sie ist, durch wen sie das wurde, was sie geworden ist: durch die Halacha oder durch die Aggada? 157 Blätter hat der Talmudtraktat Sabbath und Erubin 105, und die Menge der Aggadoth in ihnen ist verschwindend klein; das meiste sind Untersuchungen und halachische Einzelheiten über die 39 verbotenen Hauptarbeiten und ihre Unterarten und über die Bestimmung von Bereichen. Womit darf man anzünden? Womit darf ein Rind hinausgehen? Wie legt man die Bereiche zusammen? — Welche geistige Arbeit! Welche Verschwendung von Scharfsinn auf jedes Tüttelchen! Und blättere ich in jenen Seiten und sehe dort die Scharen der Tannaiten und Amoräer an ihrer Arbeit, denke ich: Wahrlich, ich sehe Künstler des Lebens vor mir, Künstler des Lebens in ihrer Werkstatt und in den Wehen der Geburt. Eine solche gewaltige Geistesarbeit, ameisenhaft und gigantisch zugleich, eine Arbeit um ihrer selbst willen und aus Liebe und schrankenlosem Glauben — unmöglich konnte sie ohne Inspiration entstehen. Jeder Einzelne dieser Auserlesenen tat das Seine gemäß seinem Ziel und seiner Neigung, und alle zusammen waren einem hohen Wollen Untertan, das sie beherrschte. Eben eine erhabene Idee, ein Urbild von Sabbath schwebte diesen getrennten Männern vor, sein Geist versammelte sie hier aus allen Generationen und machte sie zu Genossen im Schaffen und in der Vollendung. Jedes „er warf ein", jedes „und sie erhoben Widerspruch", jeder Zaun und jede Umzäunung, ist nur ein neues malerisches Ornament, eine neue Linie in jenem Bilde, ein notwendiges Ornament und eine notwendige Linie, da es ohne sie nicht werden könnte, was es werden soll. Und was ist die Frucht dieser mühseligen Arbeit der Halacha? Ein Tag, der ganz und gar Aggada ist. Solcher Beispiele sind nicht wenige. Da ist der Versöhnungstag, da Peßach, da die übrigen Feste. Die Schönheit — in ihrem höchsten Sinn — ist als eine ihrer Grundlagen unverkennbar. Alle sind sie schöne Schöpfungen voll lebenden und belebenden Gehaltes und hoher und erhebender Intention, ob sie gleich alle Kinder der strengen grausamen Halacha sind und an jeder Seite von deren „Zäunen" umhegt. Während die Künstler der andern Völker in ihren Werkstätten saßen und mit feinem und zartem Gefühl harmonische Maße und Gestalt etwa im Marmor suchten, um in ihnen die Sinne der Menschen zu verschönen,