Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1919-01-01 · Heft 1-2 · p. 63

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
4 (1919-1920)
Issue
Heft 1-2
Article
Halacha und Aggada
Date
1919-01-01
Page
63 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3101111-3101150-3101152-3104179--3097-3104267
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Halacha und Aggada 63 Die Prozesse der Kristallisation und Auflösung der Halacha und Aggada zeigen sich besonders klar in Zeiten der Umwälzung und Fixierung neuer Satzungen, und sind allgemein bekannt. Die alte Halacha, die unbrauchbar geworden ist, steigt dann wieder in den Schmelztiegel des Herzens und wird zu einer Aggada umgeschmolzen, die ihr ähnlich sein kann oder nicht, und diese kehrt, wenn sie geläutert ist, von dort zurück, tritt in die Formen des Denkens und Handelns, wo sie sich wieder zur Halacha kristallisiert, aber in verbesserter oder erneuerter Gestalt Die Halacha ist also nicht weniger als die Aggada schöpferisch. Ihre Kunst ist die größte in der Welt: die Kunst des Lebens und der Wege des Lebens, ihr Material: der lebendige Mensch mit allen Leidenschaften seines Herzens, ihre Mittel: die individuelle, soziale und nationale Erziehung, und ihre Frucht: eine Kette stetigen Lebens und schicklicher Taten, die Bahnung eines Lebensweges zwischen den Unebenheiten und Verkrümmungen des Einzelnen und der Menge, ein des Menschen würdiges Dasein in der Welt, eine gestaltete Lebenshaltung, Die Schöpfungen der Halacha sind nicht wie die der übrigen Künste — Skulptur, Malerei, Baukunst, Musik oder Dichtung — im Raum und in der Zeit konzentriert und aus einheitlichem Material, sondern fügen sich allmählich, Stückchen um Stückchen, aus dem gesamten Strom des menschlichen Lebens und Tuns zusammen, aus dem sich schließlich ein Resultat, eine Gestalt, sei sie nun vollkommen oder mit Makeln behaftet, ergibt. Die Halacha ist eine didaktische Kunst, die Kunst der Erziehung eines ganzen Volkes, und alles, was sie in der Seele eines Volkes eingravierte, die groben und die zarten Linien, ist in Inspiration und hoher, vorausschauender Weisheit geformt. Tag um Tag, Stunde um Stunde, Augenblick um Augenblick ist sie darauf bedacht, nur eine einzige Gestalt zu bilden: die Urform der Kreatur, das Ebenbild Gottes im Menschen. Der Kölner Dom, der Mailänder Dom, Notre-Dame in Paris wurden, in ihrer Herrlichkeit vollendet, das was sie geworden sind, durch die Anstrengungen ewiger Künstler im Verlauf so und so vieler Jahrhunderte, von denen ein jeder zu seiner Zeit sein Leben und das Beste seiner schöpferischen Kraft an diese ihm ausschließlich heilige Arbeit wandte. Und zweifellos nur, weil sie alle sich zu Dienern eines einzigen zentralen, in ihren Augen höchst erhabenen Gedankens machten, geriet in solchem Maße das „himmlische Werk" in ihrer Hand. Jener Gedanke — ihrem Gotte ein Haus zu bauen — schwebte ihnen allen vor Augen (entsprechend dem Schriftvers: ,,Nach der Gestalt, die dir gezeigt worden ist") und inspirierte sie, er führte Lineal und Winkelmaß, Meißel und Pinsel in ihrer Hand, und gab ihnen jede Linie und Verzierung, jeden Ziegel und Balken ein, die sich schließlich nach Jahrhunderten der Arbeit räumlich und zeitlich weit getrennter Menschen 2u einem' großen und herrlichen Bauwerk zusammenfügten. Die Kinder Israel haben ihre herrliche Schöpfung, den heiligen und erhabenen Tag, „die Königin Sabbath". In der Phantasie des Volkes wurde sie zu einem lebendigen Wesen J^it einem Körper und körperlicher Gestalt, dem Inbegriff der Schönheit und Erstrahlung, Die Sabbathfeier ist es, die der Heilige, gelobt sei Er, am Ende ^as hat er selbst gesündigt? „Und von der Hand ihrer Unterdrücker leiden sie Gewalt" — von der Hand des obersten Gerichtshofes in Israel, der sich mit der Gewalt der Thora gegen Sle wendet und sie ausstößt. „Und kein Tröster für sie" — der Heilige, gelobt sei Er, sprach: mir liegt es ob, sie. zu trösten. Denn in der heutigen Welt haben sie keinen Wert, von der messianischen aber hat Sacharja gesagt: ich sah einen Leuchter, ganz von Gold"*

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.