Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 1-2
- Article
- Halacha und Aggada
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 62 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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62 Chaim Nachman Bialik: Diese Antithesen zwischen Halacha und Aggada kann man noch unbegrenzt fortsetzen, und an allen ist in gewisser Weise ein Stäubchen Wahrheit, aber darf man hieraus etwa (wie viele meinen) schließen, Halacha und Aggada seien beide einander feind, seien Gegensätze? Die so reden, verwechseln Zufälliges mit dem Wesen und die Form mit dem Inhalt. Und wem gleichen sie? Einem, der über Eis und Wasser in einem Strom urteilt, es seien zwei verschiedene Stoffe. So sind auch Halacha und Aggada in Wahrheit zwei Dinge, die eines sind, zwei Gesichter eines Wesens. Ihr Verhältnis zueinander ist wie das des Wortes zum Gedanken und Gefühl, oder wie das der Tat und sinnlichen Gestalt zum Worte. Die Halacha ist die Kristallisation, das letzte und notwendige Ergebnis der Aggada, die Aggada die wieder flüssig gewordene Halacha. Der symphonische Ton der Forderung des Herzens auf dem Wege nach ihrem Strebungspunkt — das ist die Aggada; der Ort eines Verweilens, einer zeitweiligen Erfüllung der Forderung und ihres Verstummens — das ist die Halacha. Der Traum strebt und wird zur Deutung, der Wille zur Tat, der Gedanke zum Wort, die Blume zur Frucht und die Aggada zur Halacha. Auch in der Frucht aber verbirgt sich schon der Kern, aus dem dereinst eine neue Frucht hervorgeht. Halacha, die bis zum Rang eines Symbols sich erhebt (und solche gibt es, wie noch ausgeführt werden wird), wird selbst zum Ursprung neuer Aggada, die ihr ähnlich sein kann oder auch nicht. Lebendige und kraftvolle Halacha ist vergangene oder zukünftige Aggada und umgekehrt. Anfang und Ende beider sind miteinander verflochten. Und was sind alle 613 Gebote in der Thora anderes als das letzte Resultat, Synthese auf Synthese mythischer Worte, Aggada und uralter Gebräuche — einer Thora des Lebens, einer Thora des Mundes und Herzens — die seit Urzeiten Jahrtausende hindurch gleichsam im Äther schwebten, bis die Zeit kam, wo sie sich in der Gestalt von Satzungen kristallisierten, die in Stein gehauen oder auf Pergament niedergeschrieben wurden? Die Lehre von den Opfern, Reinheit und Unreinheit, und den verbotenen Speisen ist im priesterlichen Mythos begründet, die „Gebote der Erinnerung" hängen mit nationalen historischen Aggadoth zusammen, die „zwischen einem Menschen und seinem Nächsten" mit den Gefühlen von Gerechtigkeit und Erbarmen im Herzen des Volkes, Gefühlen, für die seine großen Menschen einen Ausdruck fanden. Aber auch nach ihrer schriftlichen Fixierung versteinerten sie noch nicht, da die Thora des Mundes und Herzens in der Tat auch nicht einen Augenblick aufhörte. Ihre lebendige und bewegte Atmosphäre formte' stündlich an der schriftlichen Thora und strömte in sie über, um sie lebendig zu erhalten, auszubauen oder einzuschränken, zuweilen auch um sie (für kurze Zeit oder ganze Epochen) zu annihilieren, je nach den Umständen oder auch den neuen Ansichten und Meinungen. Nicht nur „Mose schrieb nieder und Jecheskiel hob auf", sondern auch irgend ein „Daniel der Schneider" scheute sich nicht, an einem strengen Verbot der Thora sehr schweren Anstoß zu nehmen und im Herzen auf seine Aufhebung in der messianischen Zeit zu hoffen*). *) Wegen der außerordentlichen Schärfe seiner Worte zitiere ich sie hier ganz, sie stehen im Midrasch wajikra rabba 32 und noch einmal in Koheleth rabba über den Vers IV, 1: „Und ich wandte mich und sah all die Bedrückten/' „Daniel der Schneider deutete diesen Schriftvers auf die Bastarde: „Und siehe die Tränen der Bedrückten" — ihre Väter waren Sünder, und jene Armen, was geht es sie an? Sein Vater hat ihn in Blutschande gezeugt —