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Der Jude · 1919-01-01 · Heft 1-2 · p. 57

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Journal
Der Jude
Volume
4 (1919-1920)
Issue
Heft 1-2
Article
Ein Hebräisches Institut
Date
1919-01-01
Page
57 (sequence 10)
Language
German
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Ein Hebräisches Institut 57 besonders nahe steht. Die Werke der großen Stilisten sollten bearbeitet werden. Daß sie noch leben, soll kein Hindernis sein. Etwa: Achad-Haam, Bialik. Die Bearbeitung kleiner Ausschnitte wird es so ermöglichen, daß ein hoher Grad von Sicherheit erreicht wird, daß essentielle, nicht zufällige Belege ausgewählt werden. Aus den vielen Einzelarbeiten soll dann der Thesaurus der hebräischen Sprache erwachsen, der selbstverständlich sprachhistorisch orientiert sein und die Geschichte jedes Wortes bieten wird. Für viele der späthebräischen Wörter steht die Lesung nicht fest; wenn man auch mitunter zwei Lesungen zulassen kann, so sollte doch gerade hierin eine autoritative Entscheidung erstrebt werden. Viele große Aufgaben können erst in Angriff genommen werden, nachdem wir einen solchen Thesaurus besitzen, so daß der Mangel eines solchen hemmend auf andere sprachlich wissenschaftliche Arbeiten wirken wird. Die Registrierarbeit, auch die geniale, ist nur eine vorbereitende, die eigentliche Aufgabe ist die Oberführung ins Leben. In gewöhnlichen Zeitläuften würden wir gerne sehen, wenn dies der Literatur überlassen wäre. In unserer Lage wird das Hebräische Institut diese Anwendung des Sprachstoffes, seine Anpassung an moderne Bedürfnisse oft vornehmen müssen. Anerkannte Sprechmeister sollen sich an seiner Arbeit beteiligen. Hier wären wir bei der vielumstrittenen Frage der Neubildungen angelangt*). Bei jeder auftauchenden Frage eines fehlenden Wortes soll vorerst die Literatur abgesucht werden und vorhandene Wörter durch eine gewisse Umbiegung der Bedeutung angepaßt werden, nach einigem Gebrauch nehmen „sie gefühlsmäßig die neue Nuance an. Man werde sich nur klar, daß in allen Sprachen die meisten Wörter einmal der modernen Seelensituation sich angepaßt haben. Wäre nicht eine unheilvolle Unterbrechung in der Kulturentwicklung des Hebräischen eingetreten, so wäre es auch diesen Weg gegangen, es ist ihn ja auch gegangen, nur nicht in ausreichendem Maße. Wir wollen also der Entwicklung nachhelfen, den Wörtern zu jener Bedeutungsfortbildung verhelfen, zu der sie vielleicht auf natürlichem Wege gekommen wären, und nicht erst entbehrliche Neubildungen vornehmen. Um ihnen auszuweichen, sollen, soviel als angängig, Fremdwörter belassen werden. Aber es werden auch Neubildungen nötig werden. Sie können sehr oft durch Wortkombinationen mittels des Status constructus sehr bequem vorgenommen werden. Nach meiner Meinung sollen auch hauptsächlich nur die lebenden Nominalformen zu Neubildungen benützt werden. Vielleicht kann man auch einige der toten Nominalformen wiederbeleben und ihnen eine festumrissene Bedeutung geben. Alle toten Nominalformen kunterbunt untereinander mischen, das kann kein wissenschaftlich denkender Mensch wollen. Eingedenk muß man dessen sein, daß nicht allein große Wörterzahl den Reichtum einer Sprache ausmacht, sondern der Wörter innerer Reichtum, ihre durchsichtige Bildung und klare Gruppierung, ihr starkes Zusammenhängen, harmonischer Klang und gefühlansprechender Ton. Bei der Lage der Dinge wird das Institut auch in das Unterrichtswesen eingreifen müssen. Seine ganze Tätigkeit soll nicht nur eine wissenschaftliche, *) Siehe meine Abhandlung im „Juden" III 289.

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