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Der Jude · 1919-01-01 · Heft 1-2 · p. 56

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
4 (1919-1920)
Issue
Heft 1-2
Article
Ein Hebräisches Institut
Date
1919-01-01
Page
56 (sequence 9)
Language
German
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56 E. M. Lipschütz: sehr verschiedene Sprachkreise in einer Periode. Alte Worte treten zurück, andere tauchen auf, nehmen ihren Platz ein und verschwinden dann wieder, um nach einer Zeit wieder zur Geltung zu kommen; ihre Bedeutung wandelt sich dabei unmerklich, erleidet eine geringe Verschiebung und paßt sich der Zeitsituation an. Die Wörter stehen dabei in Wechselwirkung und werden von einander bedingt. Den hebräischen Wörtern wächst aus ihrer mannigfaltigen Geschichte ein reiches Leben zu. Hat das Hebräische die von dem Juden gesprochenen Sprachen stark beeinflußt, so unterlag es auch nicht minder ihrem Einfluß. So muß für jede Periode, für jeden Sprachkreis der Wortschatz festgestellt werden. Vornehmlich aber unser heutiges Hebräisch, was nur aus lebendigem Sprachempfinden heraus geschehen kann, wobei der Forscher selbst das Experimentationsobjekt abgeben muß. Wir werden den Sprachstoff durch Einzelarbeiten zu sammeln haben — es wäre izwar auch eine andere Methode möglich, es wäre aber der längere Weg. Durch eine ziemlich engmaschige Periodisierung soll das Material erfaßt werden. Für jeden Sprachkreis soll ein besonderes Wörterbuch geschaffen werden, in dem festzustellen wäre, welche neue Formen zu verzeichnen, welche Bedeutungsverschiebungen an alten Wörtern vorgegangen sind, welche Wörter wie aus einer Versenkung auftauchen und welche verschwinden und wie sie ersetzt werden. Die Bibelkommentare erlauben uns festzustellen, welche Bedeutung die biblischen Wörter in jeder Periode gehabt habent sie haben auch ihrerseits Einfluß auf den Bedeutungswandel geübt. Für jeden Sprachkreis müßte auch dem Einfluß fremder Sprachen auf Bedeutungsumfang nachgegangen werden; es wird sich dann oft herausstellen, daß sie sich mit einem fremden Wort decken und durch dasselbe erklärt werden. Versuchsweise will ich hier ein noch nicht genügend detailliertes Schema aufstellen, um meine Ausführungen zu illustrieren: Biblisches Hebräisch, die Sprache Ben Siras,das mischnaitische Hebräisch einschließlich Baraita und Hagada, targumisches, babylonisches und palästinensisches Aramäisch, gaonäischer Stil, palästinensische und französische Poesie, spanische Dichtung, spanischer Übersetzerstil, spanische Kommentatoren und Dezisoren, französischer rabbinischer Stil, karäischer Stil, kabbalistischer Stil, rabbinischer Stil des späten Mittelalters und der Neuzeit, chassidischer Stil, Haskalastil, Auch einige kleinere Gruppen erfordern wegen ihrer Eigenart eine gesonderte Behandlung: z.B. Jemeniten. Auch in den jüdischen Galuth-Idiomen ist hebräisches Sprachgut verstreut und müßte gesammelt werden: im Jüdisch-Deutschen etwa 2000 hebräische Wörter, etwas weniger im Spaniolischen, im Jüdisch-Persischen und Jüdisch-Arabischen. Außerdem müßte man für einige Große aus der hebräischen Literatur Spezialwörterbücher schaffen: z. B. für Raschi, Maimonides*), außer der Einteilung und Behandlung der Sprache nach Perioden sollten auch Wörterbücher für Fächer geschaffen werden, zu deren erfolgreicher Bearbeitung außer philologischen auch Fachkenntnisse gehören: Mathematik, Medizin, Naturwissenschaften, Handwerke, Landwirtschaft,Grammatik, Geographie. Die Fach- und Berufssprachen sind, auch soweit vorhanden, sehr wenig erforscht, vieles schlummert noch in unedierten Schriften. Schließlich sollte auch die letzte Periode behandelt werden, weil sich in ihr mehr gewandelt hat als in früheren Jahrhunderten und weil sie uns ganz *) Aus dem Wörterbuch Tanchum Jeruschalmis von W. Bacher, Budapest 1903.

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