Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 1-2
- Article
- Ein Hebräisches Institut
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 54 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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54 E. M. Lipschütz: Es ist selbstverständlich, daß auf diesem Gebiete nicht autoritative Entscheide gefällt, sondern bloß die Fragen geklärt werden, wobei Anregung geboten und dem Einzelnen überlassen wird, seinen Sprachgebrauch zu schaffen. Die Festsetzung einer Interpunktion ist eine Aufgabe, die nur eine öffentliche wissenschaftliche Körperschaft auf sich nehmen kann. In der frühgaonäischen Zeit erhielt das Hebräische in den Akzenten eine mehr oratorische Interpunktion, auf welcher wohl schon damals wie auch heute die Lesekantilene der Synagoge beruht. Diese versah jedes Wort mit einem Akzentzeichen, hatte außer der logischen Gliederung des Satzes noch eine gewisse tonliche Bestimmung, war auch gleich nicht sehr leicht zum Handhaben, wurde nur ausnahmsweise zu profanen Texten verwendet und ist dann in Vergessenheit geraten. Das Mittelalter verwendete einige wenige Zeichen, die Regeln ihrer Setzung sind noch nicht untersucht; die meisten Ausgaben ermöglichen auch eine solche Untersuchung gar nicht. Heute haben wir im Hebräischen das gemeineuropäische Interpunktionssystem, welches grammatischer Natur ist, übernommen. Dieses wird aber in verschiedenen Sprachen verschieden angewendet. Die hebräischen Schriftsteller folgen hierin zumeist einer ihnen geläufigen Kultursprache. In den Schulen wird dieses Kapitel der Grammatik nicht gelehrt, es fehlt sogar in den hebräischen Grammatiken. Es stellen sich Zweifel ein, man weiß keine Antwort*). Es muß der ältere und jetzige Gebrauch untersucht und aus dem Geiste des Hebräischen heraus festgelegt werden. Ebenso erfordert die Orthographie eine Festlegung, Wie in jeder alten Kultursprache hat es auch im Hebräischen mannigfache Wandlungen auf dem Gebiete der Schreibung gegeben, und aus ihnen resultieren teilweise widersprechende Ergebnisse im einzelnen. Die Texte der Bibel sind von den Massoreten mit einer nicht zu übertreffenden Peinlichkeit festgelegt und bewahrt. Für unpunktierte Texte gab es schon im Mittelalter zwei Richtungen: die eine zog die Piene-Schreibung vor, schob verdeutlichende Vokalbuchstaben, „Lesemütter", reichlich ein, die andere hielt an der Defektiv-Schreibung fest, ohne dem Leser nachzuhelfen. Wir bestimmen das Ursprungsland von Manuskripten nach dieser Schreibung. Heute sind es wieder diese zwei Richtungen, die sich geltend machen. Die Orthographie des „Haschiloach" (Achad-Haams) zieht die Piene-Schreibung vor und ihr folgen die meisten Redaktionen und Schriftsteller, während die Orthographie David Jellins zwischen punktierten und unpunktierten Texten prinzipiell keinen orthographischen Unterschied machen will, die defektive Schreibung vorzieht und einem grammatischen System folgt, an dem freilich noch manches strittig ist. Der Forderung Dawid Jellins haben manche palästinensischen Schulen Folge geleistet. Es müßte die Orthographie der führenden Redaktionen ganz genau festgestellt, die mittelalterliche Orthographie untersucht werden. Sodann sollte man die Orthographie vereinheitlichen. Auch das Deutsche hat erst jüngst staatliche Vereinheitlichung der Orthographie erreicht. *) Das Deutsche setzt vor einen Relativsatz ein Komma, das Französische nicht, das Englische hat ein Komma vor „und", welche Regel gilt nun im Hebräischen? Das Hebräische scheint ein Komma, sogar den Punkt vor „waw hachibbur" (und) zuzulassen, das Hebräische scheint in jedem Satz ein Komma zu verlangen (wenn noch so klein). Braucht das Hebräische auch das Semikolon? Wir setzen heute das Fragezeichen, trotzdem es dem Geiste des Hebräischen nicht entspricht.