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Der Jude · 1919-01-01 · Heft 1-2 · p. 52

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
4 (1919-1920)
Issue
Heft 1-2
Article
Ein Hebräisches Institut
Date
1919-01-01
Page
52 (sequence 5)
Language
German
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52 E. M. Lipschüts: Deutsch Luthers und dem modernen. Wie weit gilt nun für das lebendige Hebräisch diese oder jene grammatische Norm? Im Detail ist manches strittig, und alte und neue Form sind zugleich zu Recht, im großen ganzen ist seit der Haskalaperiode in der Formenlehre die biblische Grammatik herrschend geworden. Wer anderes behauptet, verkennt die Tatsachen*). In der Syntax sind beide Normen gleichberechtigt, nur eine genaue Untersuchung würde ergeben, welche Norm stärkeren Einfluß geübt hat. Eine gewisse Gruppe von Schriftstellern stellt die gewissermaßen ästhetische Regel auf, die syntaktischen Normen der beiden Sprachstufen dürften nicht untereinander gemengt werden, sie nehmen an, daß sonst keine Stileinheit erwachsen kann. Einige folgen prinzipiell der biblischen Syntax (Pines, Jellin), andere der mischnischen (S. Benzion). Die meisten Schriftsteller halten beide Normen für sprachgerecht und wenden sie gleichzeitig an. Aber gerade auf dem Gebiete der Syntax und der Wortbedeutung sind in den verschiedenen Perioden der hebräischen Sprache sehr große Wandlungen vor sich gegangen, ein freies einfaches Satzgefüge im rabbinischen Stil, arabisierende Wortfolge im Stil der Übersetzer, aufgelöste jargonisierende Sätze im chassidischen Stil. Zuletzt macht sich auch stark der Einfluß moderner europäischer Sprachen geltend. Daß wir diesem Einfluß nicht wehren können, ist klar. Zum großen Teil besteht die Modernisierung des Hebräischen in dessen Europäisierung. Aber oftmals tritt uns die Frage entgegen: bis wohin ist dieser Einfluß zulässig, wo ist die Grenze? Was ist schon heute hebräisch, weil dem neuen Geiste der Sprache adäquat, was ist noch fremd und unzulässig?**) Gerade von hier aus drohen unserer Sprache mancherlei Gefahren. Werden doch viele mit fremder innerer Sprache im neuen Palästina zusammenströmen. Wir müssen von ihnen fordern, sie werden es selbst von sich fordern, daß sie so bald als möglich ihre Fremdsprache aufgeben, und das wird sich ziemlich schnell vollziehen. Im Leben ist bei gutem Willen das Hebräische schnell er- *) Beispielsweise sei erwähnt: Der Plural des Nomens hat für Masculina die biblische Endung -im, ausgenommen bei einigen Hauptwörtern, welche aus der Mischna stammen und dort zumeist im Plural gebraucht sind (gittin, tefillin, erussin, nissuin). Es scheint Regel zu sein, daß Adjektiva und Partizipia diese Endung -in nicht erhalten. Ebenso ist die mischnait. Endung -aoth oder -ajoth für Nom. plur. fem. nur bei wenigen gebraucht, die so hinübergenommen wurden, und bei einigen Lehnwörtern auf -on (kilajoth, mischnajoth, wilon-wilaoth). Das Geschlecht von Hauptwörtern, welches im Mischnahebräisch anders ist als im Biblischen, richtet sich bei uns zumeist nach der biblischen Norm, z. B. Laschon (Zunge, Sprache). Von Suffixen werden nur die biblischen angewendet. Nur die mischnische Verbaiform Nithpael ist bei vielen Verben durchgedrungen. In einigen Formen sind beide Normen nebeneinander in Geltung, bei manchen hat schon ein Bedeutungswandel begonnen, welcher der neuhebräischen Form eine etwas veränderte Bedeutung gibt (sowew — umkreisen, sabew — verursachen, konen — richten, aufstellen, kawen — richten, bestimmen, genaustellen; das deutsche richten hat beide Bedeutungen). **) Als Beispiel: Die moderne Redewendung: „er lebte (erlebte) diese Gedanken" chaj et haraajanoth haele, mit dem Akkusativ konstruiert — ist dies schon zulässig? Die Konstruktion „joter tow" für den Komparativ: besser ist unzulässig, weil „joter" Adverb ist und nachfolgen muß, richtig wäre „tow joter" oder „jeter tow" — ist aber noch heute diese Konstruktion fehlerhaft? In manchen Kreisen in Palästina spricht man jeden mit Du an, wie es althebräisch und gemeinsemitisch war, in anderen Kreisen gebraucht man die dritte Person oder „Kewodo" (Ehrwürden), in der rabbinischen Literatur „Maalato" (Ehrwürden), in der modernen Literatur „Adoni" (Monsieur) zur Ansprache — ist nur die alte schöne Norm gültig oder auch alle vier Anwendungen richtig?

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