Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 1-2
- Article
- Ein Hebräisches Institut
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 50 (sequence 3)
- Language
- German
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£. M. Lipschütz: Bei der Neueinrichtung unseres nationalen Lebens werden viele Gesetze und Verordnungen stilisiert, Institute mit Namen belegt, Aufschriften abgefaßt werden. Bei dem wirtschaftlichen Aufbau werden Industrien geschaffen, Preislisten zusammengestellt, Naturerzeugnisse und Fabrikate, Maschinen und Bestandteile mit Namen versehen werden. Es wird oft durch ein Geschäftsschild, durch eine Zeitungsanzeige über die Auswahl verschiedener sprachlicher Möglichkeiten entschieden werden. Sechs Wörter streiten um die Benennung von Zündhölzchen und Schirm. Eine Zündhölzchenfabrik, ein Schirmlager wird über die letzte Wahl entscheiden*) und gewiß nicht das schönste Wort wählen. Gesetze werden für Geschlechter hinaus die Kanzleisprache schaffen, Namen von Anstalten und Ämtern, Aufschriften auf öffentlichen Gebäuden ins Volksbewußtsein eindringen» Es gehört viel Wissen und Geschmack dazu, um in den einfachsten Fragen sprachgerechte Entscheidungen zu treffen und es besteht die Gefahr, daß der erste beste Beamte entscheiden wird.**) So müssen wir das Eingreifen einer Forschungsstelle in tausend Fragen dringend wünschen. Behörden und Ämter werden sich Auskunft über jeden sprachlichen Zweifel holen. Die Abfassung von Inschriften, die letzte Stilisierung von Gesetzen und Erlässen, soll der Institutskontrolle unterliegen. Aber auch Fabrikanten sollen sich mit ihren Katalogen, Kaufleute mit ihren Geschäftsschildern, Techniker und Naturforscher mit Benennung ihrer Erfindungen an diese Stellen wenden können. Es tritt oft der Fall ein, daß man in zweifelhaften Fällen eine autoritative Entscheidung herbeiführen möchte; es kann dem manchmal rechtliche Bedeutung zukommen, zum Beispiel bei einer Unstimmigkeit zwischen Verlag und Verfasser. Mit einem Telegramm: „Hebräisches Sprachinstitut, Jerusalem. Rückantwort bezahlt" soll man sich Rat oder *) Zündhölzchen: Citta (Jawitz), Cittit (JelJin), Gafrur oder Gufror (Mendele), Alith (Sapir), Gofritit (Klausner), Madlek (Ben Jehuda), davon sind Citta und Alit talmudischen Ursprunges. Cittit in Palästina, Gafrur in Osteuropa zumeist eingeführt. Empfehlenswert ist Citta wegen seiner schönen einfachen Form, seinem Zusammenhang mit einer bekannten Wurzel und weil hebräisch empfunden. Schirm: Machse (Meliza), Sochech, Gnoneneth (Klausner), Schimschija (Arabismus), Mitrija, Mitron, Ahil (Ben Jehuda), zumeist gebraucht: Schimschija und Mitrija, empfehlenswert: Ahil, weil nicht durchaus neu und geradezu in kulturhistorischem Sinne hebräisch und semitisch, außerdem ein Wort für beide Gattungen, was ein großer Vorteil ist. Schuhwichse: in Palästina Mischcha gebraucht, während in der Mischna das Wort „Chereth" hierfür vorkommt, ein schönes Wort, wenn sich auch gegen die Bedeutung etwas einwenden läßt. Die erste Schuhwichsefabrik wird entscheiden. **) Als Beispiel ein Siegel, das mir heute zu Gesicht gekommen: Hebräische Universitätsbibliothek. Es könnte entweder mit 2 Fremdwörtern oder mit 2 Neubildungen übersetzt werden: „Habiblioteka schel hauniversita haibrith" oder „Hasifrija schel hamichlala haibrith", oder „Sifrijath hamichlala haibrith", oder endlich ausgleichend ein Fremdwort und eine Neubildung. Von den 2 Neubildungen ist Sifrija etwas älter, aber ein Arabismus, die Fremdwörter leider stark eingebürgert, es gibt auch aus der Haskalaperiode das noch stark gebrauchte „Beth hasefarim" (heute weniger gebraucht: Bethozarhasefarim,beth eked hasefarim). Zwei Fremdwörter im Namen einer nationalen Institution sind verletzend, guter Geschmack wird aber auch einer Neubildung im Namen einer monumentalen Anstalt aus dem Wege gehen, das ist in allen Kultursprachen üblich; kein Mensch wird im Deutschen das Wort Bücherei für die große königliche Bibliothek in Berlin vorschlagen, allenfalls für eine Vereinsbücherei oder Privatbücherei. Man kann das ältere „Beth hasefarim" wählen und das Fremdwort „Universita" das ist wohl am geschmackvollsten. Wieviel Möglichkeiten in einem Namen von 3 Wörtern, wieviel Erwägungen! Bureau, Amt — werden mit Lischka, Misrad aber auch: Beth-Pekiduth, Institut wird mit Musad übersetzt, aber auch mit Machon. Wie soll das. hebräische Sprachinstitut benannt werden, die erste Aufgabe für dasselbe.