Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 1-2
- Article
- Ein Hebräisches Institut
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 49 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Ein Hebräisches Institut 49 Wir tragen vor unserer Vergangenheit und Zukunft die Verantwortung für die Schönheit und Größe unserer alten neuen Sprache. Bei aller wissenschaftlichen Unzulässigkeit dieser Worte, müssen wir es doch sagen, daß es die älteste noch lebende Sprache ist. Alle jüdischen Menschheitswerte sind in ihr enthalten. Sie ist der rote Faden, der unsere lange vielgestaltige Geschichte durchzieht, und für alle Wandlungen die gleichmäßige Form abgibt. Sie hielt unsere Diaspora zusammen, schwebte über den Diasporasprachen, hauchte ihnen jüdischen Geist ein, alles was an ihnen jüdisch ist, haben sie von ihr. Sie war in allen Zeiten von einer Wirklichkeit des Lebens, die auch volllebenden Sprachen nicht eignete. Es ist nicht leicht zu ermessen, was es gemeinpsychologisch bedeutet, daß alle Perioden der hebräischen Sprache, wirklich alle, jedem tiefern Kenner derselben gegenwärtig sind, alle für ihn leben, das Wort noch die ganze Patina seines Werdens an sich trägt. Wie wenige kennen die Gewalt und Größe der hebräischen Sprache. Wie wenige wissen von ihrem schweren Reichtum, haben sie an den Quellen rauschen hören. Welch ein Weg, von Hamurapis Zeitgenossen bis zur letzten chassidischen Legende und dem modernsten Essay! Wieviel nahm die hebräische Sprache auf diesem Wege auf und blieb doch sie selbst: schier die ganze aramäische Sprache, klassische Lehnwörter, arabische Stileigenheiten und moderne Kulturbegriffe. Das alles ist uns zugewachsen und hat uns reich gemacht. Ich will über Einrichtungen zur Pflege der Sprache, aber auch über die Aufgaben, die unserer harren, etwas sagen. Große Völker und Kultursprachen haben seit langem Anstalten, welche die Sprache und die Sprachschönheit erhalten und mehren. Die Italiener bemühten sich schon seit dem 16. Jahrhundert in**der „Academia, della crusca", ihre Sprache zu sieben und zu säubern. Spanien hat die „Real academia espaniola". Die berühmteste ist die „Academie frangaise" mit ihren vierzig Unsterblichen. Aber auch kleine Völker haben Akademien und Institute für ihre Sprache. Wir brauchen ebenfalls ein zentrales Institut für die Pflege unserer Sprache, für ihren Schutz gegen die Unbilden des Lebens. Nicht eine Akademie mit schwerfälligem dekorativen Apparat, sondern ein Institut der Forschung und Arbeit, wo fleißige Arbeit in aller Stille der Sprache dienen, wo ein Mittelpunkt für alle auf sie gerichteten Bestrebungen sein soll. Der Verlebendigungsprozeß soll von hier aus bewacht und geleitet werden. Es soll daran gearbeitet werden, ein feinfühliges hebräisches Sprachgewissen zu schaffen. Was ist Verlebendigung für die Sprache? — Es gilt die Sprachkategorien in des Volkes Psyche überzuführen, den ganzen Reichtum an Möglichkeiten, der in ihr schlummert, lebendig werden zu lassen, ihr zirkulierendes Gut zu mehr'en, ihre schweren Goldbarren in geprägte Werte zu wandeln, Sprachschätze aus dunklen Schächten ins helle Licht der Wirklichkeit zu führen — eine reiche schöne innere Sprache im Volke zu schaffen. Aus unserem Renaissancewillen erwachsen große Aufgaben, die das Hebräische Institut auf sich nehmen soll. Staatlich anerkannt wird es leiten und beraten und Einfluß üben, wenn es auch wenig befehlen wird. An Aufgaben wird es ihm nicht fehlen. Besonders soll es jene großen Werke in Angriff nehmen, die die Kräfte des Einzelnen übersteigen. Vorerst soll das Hebräische Institut als amtliche Auskunftsstelle für Behörden und Private dienen. «e£t t/2.