Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 1-2
- Article
- Um die Jugend
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 46 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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46 Herman Glenn: der Übel gangszeit als Normen der Zukunft angesehen. In Zeiten wirklicher Kultur gilt es als höchste Zier der Jugend: zu verehren und zu lernen. „Eins bringt niemand mit auf die Welt, und doch ist es das, worauf alles ankommt, damit der Mensch nach allen Seiten zu ein Mensch sei: — Ehrfurcht," so Goethe in seiner pädagogischen Provinz. Und schon deswegen allein darf die Jugend nie mit in den oft so schamentblößten Strudel der divergierenden politischen Leidenschaften hineingezogen werden, darf sie nicht ganz nach eigener Willkür wählen, was für sie gut und schlecht sein soll — oder gar beständig erst wählen, ob sie überhaupt lernen soll oder nicht. Denn die letzte Konsequenz der Übergangspädagogik ist auch die, daß das Kind (und die Jugend) ganz nach eigenem Belieben lernen oder nicht lernen darf, zu jeder beliebigen Zeit, bloß durch Beispiel und natürlichen eigenen Antrieb geweckt. Der Versuch einer wirklichen Durchführung solcher extremen In- , dividualpädagogik — außer im Rahmen der sonst verneinten erziehenden Familie — scheitert notwendig immer, schon an der Unmöglichkeit, sozusagen mehr Lehrer als Kinder bei solchem System anstellen zu müssen, und jedenfalls die Aufgabe des einzelnen Lehrers in der schonungslosesten Weise zu atomisieren. An sich aber ist die Forderung einer unbeschränkten Wahlfreiheit des Lernens schon für das Kind — die auch Bernfeld vertritt — wiederum nur Zeichen dafür, daß die überfällig gewordene bisherige Kultur sich selbst aufzugeben beginnt, und daß die nachdenklicheren Vertreter der Erziehung die Aufoktroyierung der Werte dieser Kultur allen Kindern gegenüber nicht mehr zulassen wollen. Nun sind wir doch vom eigentlichen Referieren gar zu stark abgewichen. Eine kurze Darstellung der Bernfeldschen pädagogischen Utopie selbst, wie sie für Erez-Israel gedacht ist — sagt nicht der ahnend subtile Oscar Wilde in seinem (von dem edlen, unvergeßlichen Gustav Landauer übertragenen) Essay über Sozialismus: „Fortschritt ist Realisierung von Utopien"? — möge den positiven Inhalt seines Wollens, trotz alles problematischen wie unproblematisch falschen Nebenher, wieder deutlicher ins Licht setzen. Großtätigste soziale Hilfe schon für das werdende Kind: Mütterheime auf Kosten der Gemeinschaft, jeder werdenden Mutter in den Monaten um die Geburt für länger offengestellt. Dann ebenso uneingeschränkte soziale Sicherstellung des geborenen Kindes in großzügig geleiteten Kinderheimen. In der Folge eine natürlich wiederum unentgeltliche, ganz frei geleitete Kinderschule; dann der ebenso öffentlich gewährleistete Aufenthalt in der selbstverständlich die Koedukation beider Geschlechter fortsetzenden höheren Schule des ,,Jugendbereiches"— wofür allerdings die vorgesehene Norm von je etwa ioooo Jugendlichen mit bis 5000 Nebenkräften eine etwas gar zu sorglose Organisierfreudigkeit verrät. Künstler und Gelehrte sollen in diesen Jugendbereichen wohnen und die Heranreifenden geistig bereichern. Erst mit zwanzig Jahren wird zuletzt der nun für den Lebenskampf weitgehend vorbereitete Jugendliche auf eigene Füße gestellt, erst da darf die Allgemeinheit — die ihn bisher ganz auf ihre Kosten ernährt und erzogen hat — seine wirtschaftliche Betätigung in Anspruch nehmen, was vorher streng verpönt sein soll. Zur Durchführung eines solchen Programms ,,muß das jüdische Volk in Palästina natürlich sehr reich sein; seine Erwachsenen müßten so viel Güter erzeugen, daß dabei auch die Unerwachsenen, ohne selbst wirtschaftlich tätig