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Der Jude · 1919-01-01 · Heft 1-2 · p. 45

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
4 (1919-1920)
Issue
Heft 1-2
Article
Um die Jugend
Date
1919-01-01
Page
45 (sequence 10)
Language
German
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Um die Jugend 45 offenbart aber vielfach gerade hierin ihre Unzulänglichkeiten und Schwächen. Als kleineres Beispiel möge ein durch den kaum musisch veranlagten Wyneken in seinem Einflußbereiche veranlaßter, gänzlich unangebrachter, gewissermaßen obligatorischer Spitteierkult erwähnt werden, seit kurzem verbunden mit einer jenen doch eigentlich aufhebenden Verehrung für das Werk Stefan Georges, zugleich aber mit einer reichlich problematischen Distanzierung gegen Goethe; und ähnlich ein durch August Halm zwar tiefer begründeter Brucknerkult in der Musik, dem aber wieder eine bedenklich problematische Herabsetzung Beethovens parallel läuft. Und alle diese Dinge, mitsamt den ganzen Erziehungstheorien der Führer, soll die Jugend nicht nur lernen, sondern auch überzeugt verfechten und gegen die Schablonen der Erwachsenen durchsetzen; überhaupt soll gerade die Jugend als solche nach den (von Bernfeld mit übernommenen) Ansichten des Wynekenschen Reformkreises nahezu ausschließlich berufen sein, die wichtigsten Kulturaufgaben der Menschheit unmittelbar zu erfüllen; nur sie allein und einige (dann aber eben: jugendlich gebliebene) Erwachsene als Führer seien schöpferisch, alle sonstigen Erwachsenen — ,,nur werktätig". Diese aus Verzweifung an der heutigen, nein, für uns eher schon bald gestrigen, älteren Generation geborene Ansicht und Forderung' nach einer einzig durch Jugend erfüllbaren Kultur, die Proklamierung der Jugend als des immerdar eigentlich berufenen Trägers der Kultur überhaupt, so berauschend sie für die Jugend selbst zum Teil werden kann, wirkt in der Realität nur eher rein verwirrend. Wo Jugend, auch wo Frauenwelt sich zum eigentlichen Träger des Kommenden aufzuwerfen sucht, läßt sich immer schließen, daß eine überlieferte Kulturart sich zur Neige senkt und einem notwendigen baldigen Ende entgegengeht. Das Gewissender männlichen, erwachsenen, wirksamen, wirkenden Welt erwacht dann allmählich, widersprechend und doch erschüttert, und eine neue wirkliche männliche Kulturschöpfung beginnt, der sich dann die Frau, der sich dann auch die Jugend zuletzt willig unterordnet. Kultur durch Jugend erst eigentlich werden zu lassen, statt umgekehrt die Jugend durch die lebendige Kultur der Gemeinschaft in ihrem Werden zur Fülle zu führen, heißt die historischen Realitäten grundsätzlich zu verkennen und zu verkehren. Auch die jetzt neu kommende Weltkultur, deren Inhalte und Konturen sich aus dem Grausen der Zeit, blutig noch und schreckensvoll, allmählich abzuzeichnen beginnen, hat — besonders im führend gewordenen russischen Geistesleben — sich durch Massenbeteiligung auch der Jugend beiderlei Geschlechts seit Jahrzehnten angekündigt und vorbereitet. Einmal aber da, wird dieses Leben wieder nach festen und zukunftsstarken Formen ringend suchen und greifen und auch die überall neu drohende Schematisierung und Zentralisierung durch allerlei auflösende, die Jugend frühzeitig vortreibende Gewalten abstreifen. So ungern wir hierauf das politische Gebiet hinüberschauen —denn Politik und Erziehung sollten möglichst die wenigsten Berührungsflächen aufweisen dürfen —: unzweifelhaft ist der stürmische Ruf nach den Räten im europäischen Proletariat aus dem gleichen instinktiven Willen nach autonomen kleineren Einzelgebilden innerhalb der einigenden Idee geboren, wie der organisch noch unendlich begründetere Wille zur Familie, zur Ehe, zur persönlichen Kindererziehung. Daß die „Politik" der Schule und der Erziehung möglichst fernzubleiben habe, wollen natürlich die radikalen Pädagogen von heute nicht im geringsten zugestehen. Umgekehrt soll nach ihnen die Lehrerschaft politisch auf die Jugend einwirken, und zwar natürlich in ihrem Sinne: wiederum werden dabei die Wehen

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