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Der Jude · 1919-01-01 · Heft 1-2 · p. 43

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
4 (1919-1920)
Issue
Heft 1-2
Article
Um die Jugend
Date
1919-01-01
Page
43 (sequence 8)
Language
German
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Um die Jugend 43 mithelfen soll, Relatives und Absolutes nicht erst sorgfältig trennt, aufs Ganze geht, gewordene Formart mit dem Wesen schlechthin zusammenwirft. Sobald aber die Sturmwellen der Verneinung sich nach den ersten großen Siegen legen und der Aufbau beginnt — und wiederum sinä wir heute vielfach bereits so weit — dürfen jene Überquerungen des Absoluten durch Vergängliches nicht bloß darum mit hinübergenommen werden, weil der Geist, der sie schuf, seinerzeit in gerechter Verneinung früh genug stark gewesen ist. Als die Welt des griechischen Adels sich überall aufzulösen anfing — im V. Jahrhundert v. Chr. — und damit eigentlich der homerische Mensch aufzuhören begann, waren es die wandernden Erzieher, die Sophisten, die der Welt neue Kategorien der Wertung und Umwertung schufen und den Sinn dei Jugend, nach dem Gefühl der noch am Vergangenen hängenden Eltern, „betörten". Wenn dann Sokrates, der größte der Sophisten, dem Gorgias und Protagoras durch hohe Reinigung der vulgär gewordenen Verneinungen der gentium minores vorangingen, in wunderbarer direkter Einwirkung auf die Jugend, die Selbstherrlichkeit des Geistes in der Dreieinigkeit des Wahren, Guten und Schönen zum Kriterium eines neuen Menschenadels erhob — der altgriechische Sinn ließ die Selbstherrlichkeit des Willens in der männlichen Dreieinigkeit von kriegerischer, persönlicher und staatlicher Tüchtigkeit unbedingt vorangehen — so hat damit die zu Recht von den Alten so empfundene radikale Verneinung des Bestehenden das erste Wort für das positivste kommende Werden der neueren geschichtlichen Kulturwelt geschaffen: obwohl die ersten Verwirklichungen des neuen Menschen für Jahrhunderte zunächst nur den individualistisch starken hellenistischen Typus hervorbrachten, der zwar ganze Völkerscharen des Orients von überlebten oligarchischen Verfassungen befreite, aber ihnen noch kein eigentliches Wozu schuf. Als dann das große gentilizische Römische Reich zu wanken anfing, und das Werden von Cäsaren sich in den Scipionen und in Sulla anzeigte, waren es wiederum hellenistische Erzieher, vom römischen Patriziertum selbst herangezogen, die der Adelsjugend die auflösenden Waffen des Geistes gegen die verwitternden sozialen Felsblöcke des früheren römischen Willens in die Hände gaben. Durch die bewundernswerte formale Ausgestaltung und Festfügung des Römischen Rechts unter dem Einfluß dieser hellenistischen Bildung, womit die Verfallszeit das Positive des Alten doch noch zu retten suchte, konnte die fortschreitende Auflösung höchstens nur verdeckt bleiben — die stolze Macht von ehedem schuf lebend, ohne es zu registrieren, dieses eherne Recht, das hier, nur starr konservierend und organisierend äußerlich festgehalten wurde. Und ist es erst nötig, auf die ungeheure Wirkung der christlichen Erziehung auf die Gestaltung der folgenden Jahrhunderte hinzuweisen? Kehren wir zu unserer Zeit zurück. Das europäische Bourgeoiszeitalter hat nach der in geschichtlicher Hinsicht beispiellos kurzen Dauer von bloß hundertachtundzwanzig Jahren (1789—1917) innerlich und äußerlich ausgespielt. Nicht einmal in seinem zentralsten Gültigkeitsgebiete, dem der nationalen und internationalen Wirtschaft und Produktion, vermochte es sein menschlicher Träger, der Typus des Kapitalisten, zu einer wirklichen Gestaltung zu bringen; die ethische Welt des Glaubens und Fühlens aber richtete dieser Typus in naivster Verkennung und Unterschätzung, in komischer Ausbeutung und Irreführung,

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