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Der Jude · 1919-01-01 · Heft 1-2 · p. 42

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
4 (1919-1920)
Issue
Heft 1-2
Article
Um die Jugend
Date
1919-01-01
Page
42 (sequence 7)
Language
German
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42 Herman Glenn: Volk ist dabei, stärker noch vielleicht als alle arideren Völker der weißen Menschenwelt, stets adelige Wege gegangen: wenn irgendwo, so dürfen wir hier auf eine auch von den ärgsten Feinden bisher zugestandene Superiorität pochen. Bernfeld erwähnt selbst den alten jüdischen Spruch: „Du sollst erst lernen und dann heiraten; wenn dies aber dein Lernen stört, so magst du erst heiraten und dann lernen", um aber sofort darauf die Eheschließung den Jugendlichen unter 20 Jahren — so lange haben sie ja nach seinem Vorschlag in den pädagogischen Jugendbereichen zu bleiben — im allgemeinen zu verwehren, während ihnen „freie Liebeu, wie oben gesehen, nicht grundsätzlich als ethische Verantwortungslosigkeit gegeneinander und gegen die kommenden Kinder gebrandmarkt wird. Und wohlgemerkt soll es sich dabei nicht um — eher künstlerisch zu bewertende — Ausnahmen besonders ausgeprägter und hochgearteter Menschen handeln, die kühn und hemmungslos nach neuen Formen der Verantwortung zu leben suchen, sondern um normative Gestaltungskriterien für das gesamte tagesoffne Leben der Nation. Nein. Die Verantwortung gegenüber der künftigen Generation, die Verantwortung für den kulturellen Zusammenhang der gehenden und kommenden Volksgeschlechter ist der tiefste, immanent heiligende Sinn der Familie, damit aber auch der Ehe. Dadurch, daß man die Verantwortung für die heranwachsende Generation ganz der Allgemeinheit überlassen will, kann die trotz aller Sorgen tief beglückende Verantwortung der Familie — und so empfindet wahrlich auch heute noch nahezu das gesamte jüdische Volk — nicht im geringsten aufgehoben werden. Umgekehrt: der pater familias, ehemals der römischen Größe und Macht eigentlicher Begründer — und gab es je äußerlich gewaltigere Allgemeinheit? — wird, sorgenden und liebenden Sinnes, durch das stets wachsame Mutterherz und tylutterauge unterstützt, das erzieherische Werk der Allgemeinheit und ihrer Schule überwachen und stützen, er wird den immer doch nur normierenden Einfluß der zentralen Leiter und Führer der Erziehung (auch tiefste Menschlichkeit noch so vieler unter den zahlenmäßig noch so vermehrten Erziehern kann den unpersönlichen Organisationscharakter einer jeden Schule, zumal einer auf Massengrundlage angelegten, nicht bannen) durch unersetzliche individuellste Einwirkung der Blutsverwandtschaft mit lebendigem Blute und Geiste erfüllen. Zentralistische Erziehung ohne sorgendste Teilnahme der Familie ist auf die Dauer seelisch tötend; wo die engere Familie ihr natürliches Erziehungs- und Miterziehungswerk nicht leisten kann, müssen wenigstens Wahlfamilien, von menschlich warmblütigen und zu solchem Liebeswerk neigenden Erziehern und Erzieherinnen gegründet, helfend eingreifen können, die starren Allgemeinformen ergänzend und erst vermenschlichend. Durch die so bestehenden und entstehenden Verantwortlichkeiten und Fürsorgen um die Kinder wird die Familie, wird die Ehe erst wieder als höhere Notwendigkeit zuinnerst erkannt, wird ihr absoluter Gehalt erst von den Schlacken relativer Mißgestaltung in den Zeiten bedenklicher Decadence und Übergangs zu neuen Menschheitsgestaltungen befreit. Daß in solchen Zeiten nahender Umgestaltung gerade aus der Welt der berufenen Erzieher vielfach die neue Verneinung und Mahnung kommt, und daß sie dann in erster Linie direkt an die Jugend gerichtet wird, erleben wir heute von neuem: die Erscheinung an sich aber ist geschichtlich typisch. Typisch ist auch, daß diese Verneinung, die ja geschichtlich zum Sturz des Verneinten

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