Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 1-2
- Article
- Um die Jugend
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 41 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Um die Jugend 41 wird als so natürlich betrachtet als es ist. Bewertung erfährt nicht die Tatsache der Empfängnis, sondern das Verhältnis zwischen den Partnern als solches, vom selben Standpunkt, von dem aus jede menschliche Beziehung bewertet wird und insbesondere jede sexuelle oder erotische, einerlei ob ihre Folge physisch sichtbar wird oder nicht". — Es läßt sich nicht leugnen, daß insbesondere in der stark angewachsenen sozialistischen Jugend des ostjüdischen Volkes, die sich heute in voller geistiger Umschichtung gegenüber der älteren Generation befindet, neben einer radikalen Verneinung aller sonstigen konservativ überlieferten Werte überhaupt gelegentlich auch die Geringschätzung der traditionellen Ehe und Familie weitgehende Abweichungen von den festen und ehrwürdig gebliebenen Volks- und Kulturformen nach sich zog; der Krieg und die Revolution haben auch hier physische und geistige Erschütterungen zuwegegebracht, wie sie früher nicht für denkbar gehalten worden wären — es sei nur an die Massenprostitutionen im fürchterlichen Elend der Okkupationszeit gedacht. Westeuropäischer Literatengeist könnte daraus vielleicht den Schluß ziehen, daß nunmehr die „freie Liebe" und die auf gesellschaftlich gesicherter Erziehung der Kinder aufzubauende individualistische, nach bloßen „Glücks"-begriffen eingerichtete „freie Ehe" das Ziel solcher Jugend- und Volksbewegung werden könnten. Weit gefehlt. Die zentripetalen Kräfte des Volkes werden zwar zweifellos zu neuen mächtigen und menschenzwingenden Synthesen führen, neuen umfassenden Gemeinschaftsgeist zur Verwirklichung zu bringen suchen. Aber gleichzeitig wird, im jüdischen Volke sicherlich nicht schwächer als in irgendeinem anderen sonst, das verantwortliche persönliche Leben dadurch nur an Intensität gewinnen und, wie immer in bejahenden Zeitaltern, wieder zu verantwortlicher Erstarkung von Familie und Ehe führen; auch die noch ganz kurze idealistische palästinensische Arbeiterbewegung scheint eine solche Entwicklung bereits deutlich eingeleitet zu haben. Dieses Streben entspricht nicht nur instinkthaften Urkräften, sondern eben auch gewaltigen Erfahrungen der Völker und Generationen; denn keine anderen Mittel und Waffen besitzt die Menschheit gegen die zentralistischen Molochgefahren, von denen bisher immer noch sogar jede ursprünglich echte Gemeinschaft zuletzt tausendfach umgebogen wurde — wer wird nicht dabei an das heute fast erstickte wahre Christentum denken? — als die in der Familie dezentralisierte sorgsamste Behütung des Kindes und der Kinderseele vor dem Stempel der Nivellierung, die schützende Liebe der Zeugenden über ihrer lebensgeheiligten Menschenschöpfung. Sobald die heute innerhalb der gesamten Kulturmenschheit ungestüm zum Leben drängende neue Gemeinschaft erst wesenhafte Norm und Gesicht bekommen kann, wird der Läuterungsprozeß der Seelen auch in diesem Punkte sich wieder über die jetzige Auflösung emporheben: und solche aus. der Verengung von Relation und Sinn entstandenen Ausführungen, wie die oben zitierten, werden dann von selbst wieder verschwinden, werden sich wieder von selber verbieten. Die Familie ist noch für jede Kultur, das heißt jedes willensstarke schöpferische Gemeinschaftsleben eines Volkes, der nie versiegende, die künftigen Kämpfer für die Kultur heranziehende, urwüchsige Kräfteboden gewesen; und der kategorische Imperativ einer festgefügten reinen Ehegestaltung war dabei immer, als notwendigste Voraussetzung, auch die notwendigste Folge. Gerade das jüdische