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Der Jude · 1919-01-01 · Heft 1-2 · p. 40

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
4 (1919-1920)
Issue
Heft 1-2
Article
Um die Jugend
Date
1919-01-01
Page
40 (sequence 5)
Language
German
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40 Herman Glenn: Schicht der untergehenden Kulturform. Aber das erste, womit auch die neue Weltordnung gesellschaftlich bewußt wieder beginnt, ist eine Neufestigung der Familie und ihrer individuellen Grundlage in der Ehe, sowie eine Neufestigung der Erziehung nach den Erfordernissen der aufkommenden Neukultur. Eines der größten geschichtlichen Beispiele hierfür ist die Unbedingtheit, mit der das siegende erste Christentum wieder Ehe und Familie sakramental erhöhte, während das umgebende heidnische individuelle Leben in voller Zersetzung schwelgte. Und so möge man denn heute die Ausfälle der modernen Reformpädagogik gegen Familie und Ehe so weit gelten lassen, als sie die geistig entwurzelten und weltgeschichtlich bereits ad absurdum geführten modern-bourgeoisen Typen derselben treffen. Aber kein lebensstarkes Volk wird sich auf die Dauer die Verneinung oder auch nur Abschwächung dieser tieferen Grundlagen seines Seins irgendwie gefallen lassen; schon sein urgesundes Mißtrauen gegen alle zentralisierenden und staatlichen Tendenzen, von denen es im Laufe der Jahrhunderte und Jahrtausende wahrlich zuviel gesehen und zuviel erduldet hat, wird seine Instinkte wachhalten. Alle Opfer an die echte, glaubenserfüllte und glaubenerfüllende Gemeinschaft; aber keine an die Gesamtheit bloß als solche, an eine nur organisierende, seelenlose oder gar seelenverderbende zentrale Macht, wie sie die europäischen Staaten der Neuzeit zuletzt darboten: so wird voraussichtlich das jüdische Volk von heute sprechen, sobald es endlich zu Worte kommt — jetzt schweigt es noch, in die schicksalsgeschwängerten Entwicklungen des Ostens verschlungen. Seine Familie, den Rettungsanker so vieler Jahrhunderte, wird sich dieses Volk sicherlich nicht nehmen lassen: sie wird, wie bisher, Grundquell der Gemeinschaft bleiben; und auch seine Ehe, gerade mitsamt der heiligenden und lebensvertiefenden damit verbundenen Sorge um die Kinder, wird es sich schwerlich schmälern lassen. Aufmunterung zu frühester Ehe, aus einem strengen Keuschheitswillen gläubiger und lebensbejahender Gesetzgeber heraus geboren, ohne wesentlichere Berücksichtigung der hieraus entstehenden wirtschaftlichen Sorgen, deren Erstbeachtung in den Fragen des Lebens den Frommen als eine Sünde gegen Gott gilt; daneben leichteste gesetzliche Trennung etwa mißglückender Ehen, wovon in Wirklichkeit aber bis zu allerletzt ein nach europäischen Begriffen unglaublich seltener Gebrauch gemacht wurde — so hat das jüdische Volk bei sich das Problem der Beziehungen zwischen den Geschlechtern, rein äußerlich betrachtet, längst in der natürlichsten Weise gelöst. Und darum wäre es eine kulturwidrige Vermessenheit, ihm die während der momentanen Krisenzeit heute geläufiger werdenden Formen der westeuropäischen Auflösung noch besonders zu empfehlen und mundgerecht darstellen zu wollen. Geschieht denn auch dieses? ja, auch dieses geschieht. Hören wir nur Siegfried Bernfeld in der hierin doch wahrhaft erschreckenden, wenn auch ehrlich offenen Schilderung seiner pädagogischen „Utopie", wie er selbst sie in bejahendstem Sinne so nennt. „Es kommt nicht allzu selten vor, daß Mädchen (Schülerinnen bis zu zwanzig Jahren) im pädagogischen Bereich (der für beide Geschlechter gemeinsamen Großschule) die natürliche Frucht einer innigen Beziehung empfangen. Sie scheiden dann aus oder übersiedeln ins Mütterheim des Bereiches, das schon wegen der erwachsenen Frauen nirgends fehlt. Dies

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