Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 1-2
- Article
- Um die Jugend
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 39 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Um die Jugend 39 liefert ein tatsächlich ununterbrochenes Bild der selbstgewollten Unterordnung der Familie unter den nationalen Gemeinschaftswillen, der sich hier im religiösen Gewände offenbarte. Die jüdische Familie aus dem Volke empfand sich immer als Ausgangszelle und Knotenpunkt der großen, allein durch innere Gewalten gebundenen, messianisch hoffenden Glaubensgemeinschaft; ihre Söhne waren von vornherein, ohne jegliche individualistische Vorbehalte, restlos in die vorgeschriebenen Pflichtkreise des gläubigen Gemeinschaftswillens in seiner historisch gewordenen Form und Gegebenheit einbezogen. Die religiös fundierten Schulen der großen Meister waren nicht nur der ehrfurchtsvoll hingegebenen Jugend, sondern auch dem Volke die eigentlichen Zentren des geistigen Lebens, dem alle andere Betätigung nur dienend gegenüberstand. Und im östlichen Judentum ist solche Einstellung und Unterordnung bis heute noch nicht ausgestorben: ein Rabbi von Sochatschew oder Sadagora genoß bis zu den Zerstörungen des letzten Krieges noch mehr Verehrung und freiwilligen Zuzug von Erwachsenen und Jugendlichen, zur kurzen Beratung wie zur langen Erziehung, als je irgendeine staatlich anerkannte öffentliche Autorität. Wo wahre Kultur aus dem Leben des Volkes blüht, ist eben die Familie nicht Hindernis und nicht Ersatz, sondern Erstsaat und Grundlage der eigentlichen Erziehung; und wo diese einsetzt, bleibt sie mit der nur zeitweise in den Hintergrund tretenden Familie in engem ergänzenden Zusammenhang. Ein Konflikt zwischen Erziehung und Familie, wie er im heutigen Europa akut geworden ist, bedeutet daher nur: entweder, daß die spezifische Kulturart, der die bisherige Schule untergeordnet war, dem tieferen Leben und Glauben des Volkes zu stark zu widersprechen anfing — dann ist die Familie gegenüber der Erziehung in höherem Rechte; oder, daß die verantwortungsvolleren Elemente der Erzieherschaft die bisherigen autoritativen gesellschaftlichen Wertungen und ihren Niederschlag in der öffentlichen Schule nicht mehr als ethisch gerechtfertigt ansehen konnten und der sich einer intensiven Scheinkultur unterwerfenden durchschnittlichen Familie den Fehdehandschuh hinwarfen — dies der tiefere Sinn der neueren Reförmpädagogik, auch wo sie sich in den mannigfaltigsten unzulänglichen Verstiegenheiten und Schrullen gab. Eine solche Schrulle ist unter anderem die obenerwähnte Auffassung über den Sinn der Familie und Ehe, die aus dem Bilde der untergangsbereiten modern-europäischen, bürgerlich-philisterhaften Gestaltung beider auf ewige — und alsdann zu verneinende — Kategorien schließt. In Wirklichkeit ist die Familie stets der unerschütterbare natürliche physische und psychische Schutzbereich des Menschen gegen die immer wiederkehrenden Fehlwege der Gemeinschaft und ihrer öffentlichen Führer und Vertreter. Jede abgeirrte Kultur, jede Epoche der Unterdrückung läßt ein Volk, läßt alle Völker sich in die Hüllen des Familienlebens zurückziehen, bis die große Zeit der Befreiungskämpfe kommt; während die Familien und Geschlechter, Sinnbilder ununterbrochenen Zusammenhanges der Menschen und der Völker, wieder zu zahllosen Nährquellen aller wahren Kultur und aller tieferen Gemeinsamkeit werden, sobald sich nur deren Flügelschlag im Laufe des Geschehens wieder zeitenwendend spürbar macht und die Seelen der Menschen mitreißt. In den Übergangsperioden des Geistes erscheint einige Zeit hindurch die amilie der schlimmsten Zersetzung preisgegeben, besonders in der führenden