Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 1-2
- Article
- Um die Jugend
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 38 (sequence 3)
- Language
- German
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3» Herman Glenn: „An und für sich haben Familie und Erziehung nichts miteinander zu tun. Die Familie ist eine Institution, die einerseits der Fortpflanzung des Geschlechtes dient und andererseits die Aufgabe der Verwaltung des Einzelbesitzes hat" (Wyneken). Nichts mehr; und daraus „kann man dann ableiten, daß von dem Alter an, wo die eigentliche Erziehung einsetzen soll, von Rechts wegen der junge Mensch an diese abgeliefert werden müsse", in die pädagogischen Gemeinden, Bereiche und Provinzen — wenn der Gedanke bis zu seinem letzten Ausdruck verfolgt wird. „Was man seit der Emanzipation im Galuth die jüdische Familie nannte, sollte es im strengen Sinne des Wortes in Erez-Israel überhaupt nicht geben. Das Zusammensein zweier sich liebender Menschen — die Ehe — wäre so, befreit von wirtschaftlichen und Erziehungssorgen, auf eine neue Basis von nie geahnter Reinheit gestellt" (Bernfeld) — die wirtschaftlichen Sorgen soll natürlich eine großzügige sozialistische Gesellschaftsordnung möglichst überflüssig machen. Es ist nichts Neues, ja, es ist selbstverständlich, daß jede soziale Reformatorik, von überragenderen und umfassenderen Kategorien als denen des Individuums, der Ehe und der Familie geleitet — ob nun von der Idee der Gemeinde oder des Staates, der Liebe oder der Gerechtigkeit, der Religion oder der Kultur — vor den hartnäckig verteidigten Heiligtümern des Einzellebens nicht Halt machen kann und nicht Halt machen darf. Piaton und Augustin, More und Campanella, Fourier und Cabet, Hellenen und Juden: alle denken hierin gleich. Aber überall, wo wahre und echte Kultur wirklich lebendig bleibt, wo ihr Geist noch aus den Tiefen des Volkstums quillt und in die Tiefen des Volkstums hineindringt, ist von einem egoistisch engen Widerstand der Familie gegen die eigentliche Erziehung (also die fortschreitende Einbeziehung der Kinder und der Jugend in die Zusammenhänge jener lebenserfüllten Kultur) tatsächlich nicht viel oder schlechterdings überhaupt nichts zu merken. Der dorische Adel des IX. bis VI. Jahrhunderts unterwarf sich in ungestümer Machtbejahung einer Selbstbeschränkung des persönlichen Lebens und einem Verzicht auf eigentliches Familienrecht, wie sie ein zweites Mal in der Geschichte der Kultur kaum so weitgehend vorgefunden werden, und seine Erziehung war restlos in den Dienst der Kultur seiner einheitlichen Menschenart gestellt. Spätere attische Superiorität des Geistes ließ zahlreiche griechische Familien von auswärts, darunter gerade diejenigen, die auf sich besonders viel hielten, ihre erwachsenden Söhne nach dem Mittelpunkt Athen hinschicken: sie gaben bewußt den engeren Erziehungsanspruch der Familie dem weiteren Rechte der ruhmvollen Gesamtkultur preis. In den Evangelien sind harte Worte gegen die Familie enthalten, von der Umspannung höherer Gemeinschaftwerte aus gefällt. In formal sonst unerreichter Konsequenz hat die Societas Jesu ihre Erziehungsarbeit an Völkern und Menschen auf die Präponderanz der Idee der Kirche aufgebaut; und viele Tausende katholischer Familien, wiederum gerade die repräsentativeren, haben sich dem Spruche ihrer anerkannten geistlichen Führer restlos gebeugt, ihre Söhne und Töchter in den wichtigsten Jahren freiwillig den Vertretern der übergeordneten Kultur zur Erziehung übergeben. Diese Beispiele lassen sich beliebig vermehren; aber brauchen wir denn erst so weit zu suchen? Die gesamte Geschichte der jüdischen Volks- und Kindererziehung