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Der Jude · 1919-01-01 · Heft 1-2 · p. 37

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
4 (1919-1920)
Issue
Heft 1-2
Article
Um die Jugend
Date
1919-01-01
Page
37 (sequence 2)
Language
German
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Um die Jugend 37 scharfen politischen Geist nur eines der Genannten: Wyneken. Die außerordentlich starke geistige Wirkung dieses Vorkämpfers pädagogischer Neukultur auf die deutsche Jugend und ihre Bewegung der letzten Zeit ist heute durchaus noch nicht abgeschlossen. Umgekehrt: die soziale Revolution, von deren Sturzwellen die deutschen Lande nun umbrandet und umspült werden, geben dem Verurteiler und Mahner von früher, von jeher, nur ein doppeltes Recht, seine Stimme in die Wagschalen des Kommenden zu werfen, sich im Positiven zu erproben, wie er sich in der Negation bereits bewährt hat. Wyneken gebührt das Verdienst, zuerst von pädagogischer Seite aus in freiem wissenschaftlichen Schaffen —vder beliebte Vorwurf des Dilettantismus fiele hier nur auf die engherzig beschränkten offiziellen Fachvertreter zurück — den unheilbaren Grundmangel der gewordenen modernen europäischen Erziehung schonungslos aufgedeckt zu haben: ihren seit hundert Jahren immer stärker ausgeprägten zweckhaften Klassencharakter, der sie zu Werkzeug und Waffe einer auf die Dauer unhaltbaren, weil geistig unschöpferischen Menschenmacht herabgedrückt hat, der Macht des europäischen Großbürgertums. Gewiß waren ähnliche Äußerungen, vorher und nachher, häufig genug auch in der sozialistischen Literatur anzutreffen: doch mehr als Nebenanklagen, ohne direkte Verbindung mit dem Leben von Schule und Jugend, ohne — dies das Entscheidende — die Jugend als selbstherrliches autochthones Grunderlebnis, wie sie Wyneken und Stanley Hall fassen. Daß auch die Kindheit als solche Vollendung und Göttlichkeit ist, nicht bloßes erstes Vorbereitungsstadium, weiß jede echte Mutter, weiß jedes tiefere männliche Gemüt. Nicht darf das menschliche Kind als „individuelles Tier'4 allein, „beherrscht von Lust und Unlust", betrachtet werden (Wyneken): es besitzt und verlangt auch bald ein völlig geschlossenes eigenartiges Leben, in jeder Altersstufe neuen und eigenen Gesetzen gehorchend. Durch fortwährendes Hinweisen auf die Fülle der hier gegebenen pädagogischen Probleme und durch folgerichtiges praktisches Schlußziehen aus deren Ergebnissen hat Berthold Otto, der in sonstigen Lehrbezirken zuweilen fehlgreifende, dem vagen sentimentalen Begriff vom Jahrhundert des Kindes einen präzisen und lebendigen Inhalt zu geben versucht. Durch liebendes Verfechten des sozialen Rechtes aller Menschengeborenen auf eine Kindheit von früh an — wie sie heute Unzähligen aus dem Volke so gut wie vorenthalten bleibt — und durch weitgreifendes Mühen um dessen Verwirklichung hat Maria Montessori Grundsteine zu einer kommenden Umschichtung der sozialen Kinderpflege gelegt. Die Familie allein hat durch die ins Ungeheuerliche gewachsenen Mängel des europäischen Gesellschaftsdaseins sich zuletzt millionenfach nicht mehr imstande gesehen, die Erziehung des Kindes wirklich in der Hand zu behalten. Eine neu werdende Sozialität, zugleich hier das Recht der humansten erzieherischen Frauentätigkeit vertretend, von berufenen pädagogischen Kräften beraten, muß der Familie, ohne sie etwa als solche in ihrer Bedeutung für die Erziehung zu negieren, in dieser Not zu Hilfe kommen, ihr die unlösbaren Sorgen beiderseits arbeitender Eltern um ihre gegen Willen verwahrlosten Kinder grundsätzlich nehmen. Ohne die Familie als solche für die Erziehung zu negieren? Hier hat die radikale Pädagogik ihren ersten großen Konflikt mit dem wirklichen Leben, nicht bloß mit staatlich vorgeschriebenen Schulschemen.

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