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Der Jude · 1919-01-01 · Heft 1-2 · p. 35

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Journal
Der Jude
Volume
4 (1919-1920)
Issue
Heft 1-2
Article
Die Erbpacht
Date
1919-01-01
Page
35 (sequence 11)
Language
German
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Die Erbpacht 35 Auf die Zweifel an der Lebensfähigkeit der Erbpacht als Besitz- und Eigentumsform überhaupt brauche^ich hier nicht einzugehen, denn diese Lebensfähigkeit ist durch die ganze Geschichte der Erbpacht bezeugt Die Erbpacht hat sich jahrtausendelang im Wechsel der Geschlechter erhalten, den jeweiligen Zeitumständen angepaßt, ohne das Grundprinzip, welcher ihr ganzes Wesen ausmacht, das Prinzip des gebundenen Eigentums und beschränkter Verfügungsfreiheit des Besitzers über seinen Boden zu verleugnen. Sind zeitweilig Erbpachtformen degeneriert und untergegangen, stets von neuem entstand doch die Erbpacht wieder, um Aufgaben zu erfüllen, die viele Berührungspunkte haben mit unseren Aufgaben, ja teilweise sich mit ihnen völlig decken. Die Erbpacht war stets ein Mittel der Überführung eines Landes zu höheren, intensiveren Formen der landwirtschaftlichen Kultur mit Hilfe von wenig bemittelten Massen; sie ermöglichte die Verwurzelung der letzteren mit dem Boden; sie sicherte die Rechte der Nation, des Staates, des Reichs oder eines sonstigen Obereigentümers an seinem Boden und seine Teilnahme an den steigenden Bodenerträgen; sie schaltete jede spekulative Verwertung des Bodens aus. So bleibt denn die Frage der Einstellung unserer jüdischen Massen auf die Erbpacht. Die Gegner der Erbpacht halten uns so oft entgegen die individualistische, jede Gebundenheit des Handelns verwerfende Einstellung der Ostjuden im Erwerbsleben. Diese Einstellung wird aber nur irrtümlicherweise als ein ursprüngliches Produkt der jüdischen Psyche aufgefaßt. Sie ist vielmehr durch den Geist des kapitalistischen Erwerbslebens, vor allem auf den Gebieten der Industrie und des Handels, bedingt und hervorgerufen. Denn hier ist jede Fessel eine Schmälerung der Wirkungsmöglichkeiten und Verringerung der Erfolgchancen, Unsere ganze Geschichte zeugt aber für die Neigung des Juden, sich in freiwilliger Gebundenheit der Gemeinschaft einzuordnen, wenn das Lebensinteresse der Gemeinschaft danach verlangt. Was ist es denn, was manchen jüdischen Kaufmann veranlaßte, in den jüdischen Kolonien Anatoliens den Pflug zu ergreifen, wenn nicht die Sehnsucht nach einem anders gearteten Leben, in dem die Verwurzelung die Unsicherheit, das stille Wirken die unaufhörliche Hetze und die Gebundenheit die rastlose Jagd, welche mit der Ungebundenheit der Möglichkeiten wächst, ablösen und ersetzen. So habe ich es oft an den stillen, heißen Abenden Anatoliens aus <3em Munde dieser Leute vernommen. Man darf nicht an die Erbpacht mit den Maßstäben herangehen, die aus den Gebieten der Industrie und des Handels in der kapitalistischen Gesellschaft geholt sind. Die ganze Eigenart der Landwirtschaft, ihr Gerichtetsein auf das Sichselbst-genügen, die Schranken, die durch die natürlichen Faktoren ihrer Produktionsweise gesetzt sind, werden die Einstellung des Juden auf das Eigentum ändern, und ihn mit der Erbpacht vertraut machen. Denn die Grundneigungen der Juden werden durch die Erbpacht berücksichtigt. So vor allem die Liebe zu den Kindern und die Sorge um ihre Zukunft. Die Erbpacht gibt dem Juden die Sicherheit, daß die Heimstätte, die er erbaut, von seinem Sohn bewohnt werden wird und daß seine Kinder die Früchte seiner Arbeit genießen werden. So wird ein Motor der jüdischen Rastlosigkeit *n der Jagd nach irdischen Gütern in eine befruchtende Bewegungskraft des steten, stillen Wirkens und Schaffens umgewandelt. Denn zu gleicher Zeit verhindern die Beschränkungen der Erbpacht die Übertragung des Geistes der Speku- 3*

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