Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 1-2
- Article
- Die Erbpacht
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 31 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Erbpabht gedehnte Vererbpachtungen kamen überall auf fürstlichen Domänen vor*) und überall, wo die Vererbpachtung nicht an dem bösen Willen der damit betrauten Domanialbehörden zerschellte (diese hatten öfters Interesse an der Erhaltung des früheren trüben Zustands, bei dem sie sich gut standen und der ihnen manche große Unterschlagungen und Schiebungen an Ländereien erlaubte), erzielte man mit der Erbpacht die besten Resultate. Der Bauernstand wurde gehoben, die Landwirtschaft entwickelte sich und der ganze volkswirtschaftliche Organismus gewann an Festigkeit und produktiver Kraft**), Dies alles, trotzdem die neue Erbpacht der mittelalterlichen noch ziemlich nahestand und eine große Anzahl von nutzlosen Bindungen der Person und der Wirtschaft der mittelalterlichen privaten Erbpacht in die neue Zeit mitübernommen wurde. Eben dieses Gemeinsame mit der mittelalterlichen Erbpacht wurde der neuen Erbpacht zum Verhängnis in einer Zeit (um die Mitte des 19. Jahrhunderts), in der man mit allen wirklichen und vermeintlichen Resten des Mittelalters aufzuräumen suchte. Im Sturme der Reinigung wurde die Erb-* pacht, wie von manchen Schriftstellern***) festgestellt wurde, ohne viel Überlegung abgeschafft. Das freie ungebundene Eigentum am Grund und Boden hielt seinen Triumphzug durch alle Länder und an seinen Sieg wurden die verwegensten Hoffnungen geknüpft. Eine gesunde Verteilung des Grund und Bodens, die Stärkung des Bauernstandes, die "Hebung der landwirtschaftlichen Produktion, kurz den idealen Zustand in der Landwirtschaft hoffte man durch das unbeschränkte Eigentum an Grund und Boden herbeizuführenf). Die Enttäuschungen waren bitter genug. Die feudalen Fesseln des pri-. vaten Obereigentums verschwanden, wurden aber von denen des unpersönlichen Hypothekengläubigers abgelöst. Überschuldung, wilde Spekulation, übermäßige Parzellierung des Bauernbesitzes, Abwanderung vom platten Lande sind die bitteren Früchte des freien Eigentums in allen Ländern. Dort aber, wo wie in England der Stand des kleinen Bauern vollständig durch die Ereignisse der vorhergehenden Jahrhunderte verschwunden war, erwies sich das freie Eigentum unfähig, irgend eine Verbesserung der Lage herbeizuführen. Die Agrarfrage ist aber die Frage der Reiche und Länder in der Neuzeit. Es kam hinzu ein neuer, bisher unbekannter Faktor, nämlich der Kampf der Nationalitäten um. den Boden, wobei alle modernen Mittel der kapitalistischen Wirtschaft angewandt werden, die finanzielle Kraft der Agrar-Kredit-Institute, die Arbeit der Parzellierungs- und Ansiedelungsgesellschaften, der Auskauf fremder Besitzer und Ansiedelung der Angehörigen der eigenen Nationalität. Der Ruf nach der Wiedereinführung der Erbpacht wurde immer stärker. Besonders in Deutschland, wo die kurze Zeit nach der Abschaffung der Erbpacht im Reiche durchs geführte allgemeine Vererbpachtung in Mecklenburg-Schwerin im Jahre 1867 die besten Erfolge zeitigte ft)- Hier war der Bauernstamm auf den ritterlichen Güter durch das „Legen" der Bauern vollständig verschwunden. Die Bauern erhielten sich nur noch auf *) Rupprecht, Die Erbpacht, Göttingen 1882. Hansen, Die Aufhebung der Leibeigenschaft und die Umgestaltung der gutsherrlich bäuerlichen Verhältnisse in den Herzogtümern Schleswig-Holstein. 1861. ***) Nasse, Erbpacht und Zinsverhältnisse, in Thiels Landw. Jahrbüchern 1879. t) Sering, Innere Kolonisation. tt) Balk, Die Vererbpachtung der Domänen in Mecklenburg-Schwerin. Schwerin 1894.