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Der Jude · 1919-01-01 · Heft 1-2 · p. 30

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
4 (1919-1920)
Issue
Heft 1-2
Article
Die Erbpacht
Date
1919-01-01
Page
30 (sequence 6)
Language
German
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30 Nathan ben-Nathan: die Belgier wurde unter Schaffung und Anwendung erbpachtähnlicher Formen durchgeführt. Das „bessere bäuerliche Recht" der belgischen Einwanderer wurde zum Vorbilde für alle anderen bäuerlichen Rechte in Deutschland und führte einen sozialen und wirtschaftlichen Aufstieg der von ihnen kolonisierten Landstriche herbei. Die deutsche Kolonisation des Ostens wurde ihrerseits auf Grund der Erbpacht und erbpachtähnlicher Formen durchgeführt. Die Erbpacht erlebt aber in dem mittelalterlichen wirtschaftlichen Milieu und unter dem Einfluß der mittelalterlichen sozialwirtschaftlichen Anschauungen grundlegende Veränderungen. Sie nahm im Laufe der Zeit personer rechtliche Bestandteile auf und verlor öfters ihren Charakter eines rein dinglichen Vertrages. Die Erbpacht entartete mehrmals und ging im Verlaufe der Zeit unter. Die Not der Verhältnisse schuf sie aber immer wieder von neuem, oft indem die entarteten Erbpachtformen unter Ausschaltung der personenrechtlichen Elemente sich zur reinen Erbpacht entwickelten*). Gegen Ende des Mittelalters wurde der Erbpächter meistens von dem seit seiner Entlassung aus dem Heeresdienste landhungrig gewordenen Ritter verdrängt und enteignet**). Die Erbpacht- und Erbzinsverhältnisse wurden oft in schlechtere Bodenleihrechte umgewandelt. Die Erbzinsleihe war im Mittelalter eine oft angewandte Erbpachtform. Das Bezeichnende dieser Form ist, daß der Erbpachtzins hier in keinem Verhältnis zu der wirklichen Ertragsfähigkeit der Stelle stand, sondern nur zur Anerkennung des Obereigentums des Vererbpächters gezahlt wurde. Dieses Schicksal der mittelalterlichen Erbpacht war aber nur zum Teil durch politische Ereignisse verschuldet, zum größeren Teile war das Wesen und die Eigenart der mittelalterlichen Erbpacht selbst daran schuld. Sie war im Gegensatz zur antiken Erbpacht eine „private" Erbpacht und litt an allen Schäden derselben. Dem Erbpächter stand hier nicht die Gemeinschaft, deren Teil er ja selbst ausmacht, gegenüber, sondern der Ritter, der Gutsherr, der immer geneigt war, seine eigenen Interessen denen des Erbpächters und der Allgemeinheit voranzustellen, der den Erbpächter in einen engen wirtschaftlichen Konnex mit seiner eigenen Gutsverwaltung (Fronhofcharakter des Mittelalters) zu bringen suchte. Persönliche Abhängigkeit war dann meistens nur Folge der sich einstellenden wirtschaftlichen und der Untergang der Erbpacht wurde dann unvermeidlich, wie es sich aus den gebrachten Darlegungen über das Wesen der Erbpacht ergibt. Für die allgemeine Verbreitung der Erbpacht in allen Ländern des Mittelalters zeugen ihre Überreste in Holland, Portugal und Italien***). In der Neuzeit spielte die Erbpacht aber wieder eine große Rolle; vor allem in der Kolonisation des 17. und 18. Jahrhunderts, die die tüchtigen Herrscher Preußens betrieben f). Dann stellte sich wieder die Notwendigkeit der Erbpacht ein, um eine höhere Kultur in der Landwirtschaft zu ermöglichen, welche zur Voraussetzung die Hebung des Bauernstandes hatte. Dieser war durch die erdrückende Trostlosigkeit seines Daseins in ein verzweifeltes stumpfsinniges Dahinvegetieren versunken. Wieder wurde die Erbpacht zur erlösenden Synthese zwischen den Rechten des Obereigentümers und denjenigen des Bebauers. Aus- *) Inama Sternegg, Deutsche Wirtschaftsgeschichte. **) Knapp, Bauernbefreiung und Entstehung des Landarbeiterstandes in den ältesten Teilen Preußens. 1887. ***) Laveleye, Das Ureigentum. f) Schmoller, Die preußische Kolonisation des 17. und 18. Jahrhunderts. Schriften des Vereins für Sozialpolitik XXXII.

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