Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 1-2
- Article
- Über die Grundlagen eines jüdischen Gemeinwesens
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 20 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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20 Siegfried Lehmann: .5- Es liegt nun heute bei den jüdischen Menschen, die die Gestaltung unserer neuen Gemeinschaft in Palästina und im Osten Europas in Händen haben, zu entscheiden, welches Prinzip im Staatswesen des jüdischen Volkes das herrschende werden soll: das Prinzip der mechanischen, durch Gewalt und Bürokratie zusammengehaltenen, oder das der organischen, durch Freiwilligkeit und Macht des Geistes zusammengehaltenen Gemeinschaft. Entscheiden wir uns für das Letztere — und nur diese Entscheidung allein bürgt uns dafür, daß eine Kulturgemeinschaft entstehen wird, müssen wir schon heute in Palästina (und im Galuth) die Fundamente organischer Lebenseinheiten in dem oben besprochenen Sinne schaffen (oder im Osten erhalten, wo sie noch vorhanden sind). Diese Grundlagen seien in bezug auf den Aufbau eines jüdischen Gemeinschaftswesens in Palästina im nachfolgenden angedeutet. Sie folgen notwendigerweise aus den bisher dargestellten Überzeugungen, die hier noch einmal kurz zusammengefaßt werden mögen, i. Nur der Staat ist ein ethisches, d. h. lebensberechtigtes Gebilde, dessen Glieder in Freiwilligkeit zusammengehalten und dessen Beziehungen zueinander in Gerechtigkeit freiwillig geregelt werden. 2. Die geschichtlichen Tatsachen ebenso wie die Auffassung der Gemeinschaft als eines organischen Wesens lehren, daß nur dort Freiwilligkeit im sozialen Handeln herrscht, wo die Glieder der Gemeinschaft durch Gemeinsamkeit im Räume und durch Gemeinsamkeit im Geiste aufs engste verbunden sind. Gemeinsamkeit im Räume: Die Ausdehnung einer Siedlung darf einen gewissen Umfang nicht überschreiten, um ein nachbarliches Zusammenleben, eine unmittelbare Wirkung von Mensch zu Mensch zu ermöglichen. Die Ansammlung von Massen setzt an Stelle dieser unmittelbaren Wirkung die Übertragung, die zur Mechanisierung, zur Entseelung des Gemeinschaftslebens führt. — Machen wirtschaftliche Verhältnisse die Ansammlung weiterer Menschenmassen in der Siedelung notwendig, spaltet sich diese in kleinere, in sich geschlossene Gemeinschaften. Durch Gemeinbesitz an Grund und Boden, an Werkzeugen und Maschinen wird diese Gemeinsamkeit im Räumlichen wesentlich verstärkt. Gemeinsamkeit im Geiste: Wir wissen, daß nur eine starke religiöse Idee die Menschen einer Gemeinschaft zu einer wirklichen Einheit zusammenzuschließen vermag, daß in Gemeinschaften, die in Freiwilligkeit zusammengehalten wurden, der Glaube an einen gemeinsamen Gott die Geister eng verband. — Noch kann man nicht damit rechnen, daß in absehbarer Zeit im jungen palästinensischen Judentum ein neues Religionsleben erstehen wird. Und jedes Wort über Wert und Einfluß dieser Religiosität auf die Gestaltung der Gemeinschaft wäre verfrüht. Aber eines können wir schon heute aussprechen: wir müssen den Boden bereiten helfen, auf dem Religion wieder wachsen kann, indem wir unter anderem tiefste Ehrfurcht vor der Religion, an der es heute noch fehlt, in die Herzen der neuen Generation legen. (Wieviel erzieherische Arbeit ist in dieser Beziehung unter den ostjüdischen Arbeitern zu leisten!) — Wird demnach in den Siedlungen die gemeinsame Religion zunächst nicht das geistige Bindemittel werden können, so wird doch Gemeinsamkeit des Geistes, wie sie durch Erziehung in den gleichen Idealen, in der Schule und im Tempel der Gemeinschaft sich entwickeln kann, eine gewisse Einheit im Metaphysischen entstehen lassen. Um der Einheit des Geistes willen ist es auch erforderlich, daß die nach Palästina Zurückkehrenden sich schon hier im Galuth zu brüderlichen Lebensgemein-