Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 1-2
- Article
- Über die Grundlagen eines jüdischen Gemeinwesens
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 19 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Über die Grundlagen eines jüdischen Gemeinwesens 19 Kraft des Geistes das Zusammenleben beherrscht, wo freiwillige Wechselbeziehung im Raum vom einen zum andern nicht vorhanden ist, ist daher kein organisches, daher kein lebensberechtigtes, ethisches Wesen. Der europäische Staat, der die verbindende Kraft des Geistes (und des Raumes) durch Gewalt ersetzt hat, kann nicht mehr sein als eine Maschine, als ein seelenloser Mechanismus, einer Puppe vergleichbar, die man menschlich angezogen hat und deren Glieder und Organe mittelst einer Mechanik, eines Uhrwerks ihre Funktionen erfüllen. Ebensowenig wie aus der mit fabelhaftester Präzision und Technik gearbeiteten Menschenpuppe ein lebender schöpferischer Mensch werden kann, ebensowenig wird aus dem mechanischen, durch äußere Kraft zusammengehaltenen Staat ein schöpferisches, d. h. kulturerze.ugendes Wesen entstehen. Die organische Auffassung einer Menschengemeinschaft wird weiterhin verständlich, wenn wir den Bau eines Dorfes mit seinem rund um den Mittelpunkt, um die Kirche gruppierten Häusern oder den Bau einer mittelalterlichen Stadt, mit dem Rathaus und dem alles beherrschenden Dom, dem Herzen und der Seele der Stadt vergleichbar betrachten. Das Individuum ist hier der Zelle in einem Organismus vergleichbar, dessen Seele das alle Häuser weithin überragende Gotteshaus verkörpert, dessen Organe und Zellen, aufeinander angewiesen, durch gegenseitige Wechselwirkung zu einer Einheit verbunden sind, die die Voraussetzung jeder wahren Kultur eines Staates oder einer Stadt ist. Wie läßt sich anders die Einheit oder besser die Einheitlichkeit erklären, die sich in der Architektur der mittelalterlichen Stadt (ebenso wie in der griechischen Stadt), im Kirchenbau, im Bau des Bürgers, in der Malerei, in dem Ornament an der Tür eines Armen, im Ornament eines Kruges aus einem reichen Hause, im Volkslied und im Tanz, kurz in allen Erscheinungen des Lebens wiederspiegelt? Nach diesem Vergleich der mittelalterlichen Stadt mit einem lebenden, gesunden Organismus ist unsere heutige Stadt mit einem absterbenden Lebewesen vergleichbar, dessen Körper durch wahnsinnige Wucherung aller kleinster Teile, die alle ihr eigenes Sonderdasein führen, so ins Groteske entstellt ist, daß die eigentliche organische Gestalt nicht mehr zu erkennen ist. — Auch die Menschen, die nicht wie wir den Wert einer Gemeinschaft nach ihrem ethischen Aufbau messen, sondern nach dem Werte der in ihr entstehenden Kultur, müssen die organische Einheit als Grundlage einer Gemeinschaft fordern. Kultur ist (wie Gustav Landauer uns gelehrt hat) Gemeinsamkeit des Geistes. Wo ist diese Gemeinsamkeit in den heutigen Städten? Welche der Kulturäußerungen wir auch betrachten mögen, überall finden wir völlige Zusammenhangslosigkeit und grenzenlose Hypertrophie des Individuellen. In den japanischen Fächern an der Wand des Arbeiters, im Renaissancebuffet im Bürgerzimmer und in den französischen Rokokomöbeln im Hause des Reichen offenbart sich heute die ganze Unkultur einer nicht durch den Geist verbundenen Gemeinschaft. Ihre schöpferischen Geister erschöpfen sich in Literatur, weil nichts da ist, was sie mit der Mitwelt verbindet. — Daß alle diese einander fremden, durch keine Einheit im Geiste und im Raum verbundenen Menschen nicht durch natürliche Wechselwirkung und Gegenseitigkeit wie in einem gesunden Organismus zusammengehalten werden können, sondern mittels äußerer Kraftmittel, ist selbstverständlich. Die Menschen des heutigen Staates sind nicht mehr Zellen eines Organismus, sondern zusammenhanglose Atome, die ihre Lebenskraft nicht vom Herzen des Organismus empfangen, sondern, losgelöst von allem, um ihre eigene Achse schwingen. 2*