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Der Jude · 1919-01-01 · Heft 1-2 · p. 18

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
4 (1919-1920)
Issue
Heft 1-2
Article
Über die Grundlagen eines jüdischen Gemeinwesens
Date
1919-01-01
Page
18 (sequence 8)
Language
German
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i8 Siegfried Lehmann: kündung sollen die Leviten das Volk versammeln, sollen anheben und sagen zu jedermann von Israel mit lauter Stimme: „Verflucht sei, wer einen Götzen oder ein gegossenes Bild macht, einen Greuel des Herrn, ein Werk von den Händen des Werkmeisters und stellt es verborgen auf» Und alles Volk soll antworten und sagen: Amen." — „Verflucht sei, wer seines Nächsten Grenze verengert! Und alles Volk soll sagen: Amen." — „Verflucht sei, wer das Recht des Fremdlings, der Waisen und der Witwe beugt! Und alles Volk soll sagen: Amen." — Und hinter jedem folgenden Gesetz, dessen Verletzung verflucht wird, stehen die Worte: Und alles Volk soll sagen: Amen! Da im Gesetz nur die Seele der Gemeinschaft atmete, bestand noch nicht die ungeheure Kluft zwischen dem Wertempfinden des Einzelnen und dem Wertempfinden des Staates, die heute unsere Staatsgesetze zu seelenlosen Zwangsmaßnahmen macht. Man denke an irgendein deutsches Kriegsgesetz, z. B. die Verordnungen der Höchstpreise und an die Arten ihrer Umgehung, um zu erkennen, wie weit sich das Gesetz von seinem wahren Sinn und Wesen entfernt hat: es ist nicht mehr das Gewissen der Gemeinschaft; es ist tot und ohne Seele. Was Wunder, wenn das Gesetz daher nur mittelst äußerer Gewalt und unter Zwang mechanisch verwirklicht werden kann? Man könnte einwenden, daß auch der religiös Gebundene nicht freiwillig das Gesetz befolgte, sondern daß auch er von der Vorstellung der göttlichen Strafe, die ihm und seinem Volk nach seinem Tode bei Nichtbefolgung droht, gezwungen werde. Die Tat werde nicht aus Liebe zur Gerechtigkeit getan, sondern um der Hoffnung willen, nach dem Tode durch das ewige Leben belohnt zu werden. Diesem Zwange liegt ein Mythos zugrunde, d. h. die bildhafte Darstellung tiefsten Weltzusammenhanges und absoluter Wahrheit. Wer will entscheiden, ob die Sehnsucht des Künstlers nach Gestaltung nicht bedingt ist von der Sehnsucht, Raum und Zeit zu überdauern, und Ewiges zu schaffen, um selbst ewig zu leben? — Der Zwang, den ein wahrhaft religiöser Glaube auf unser Handeln ausübt, ist nicht auf eine Stufe zu stellen mit dem Zwang, welchen eine äußere mechanische Gewalt uns auferlegt. Aus den hier dargestellten gemeinschaftsbildenden Faktoren ergibt sich eine gewisse organische Gesetzmäßigkeit, die jedem wahren, auf Gerechtigkeit aufgebauten Gemeinwesen zugrunde zu liegen scheint und die man in den Satz fassen kann: Dort herrschte Freiwilligkeit und gegenseitige Gerechtigkeit— also die Momente, die, wie wir zu Beginn dieser Ausführungen sahen, den absoluten Wert einer Gemeinschaft, eines Staates ausmachen — wo die Menschen im Physischen und im Metaphysischen miteinander aufs engste verbunden sind. Und diese Zurückführung auf die primitive Dualität von Geist und Körper, Kraft und Stoff erscheint uns selbstverständlich, wenn wir einen Staat als das erkennen, was er ist, als ein lebendes, als ein organisches Wesen. Ist doch auch ein solches dadurch gekennzeichnet, daß im Zentrum eine Kraft, ein Geistiges liegt, das alle Zellen und Teile des Organismus durchdringt und speist, und daß in der Peripherie wiederum alle Zellen und Teile so räumlich gegliedert sind, daß gegenseitige Wechselbeziehung und Austausch zwischen den kleinsten Teilen möglich wird. Eine Menschengemeinschaft, die nicht von sich aus durch die zentralisierende

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