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Der Jude · 1919-01-01 · Heft 1-2 · p. 15

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
4 (1919-1920)
Issue
Heft 1-2
Article
Über die Grundlagen eines jüdischen Gemeinwesens
Date
1919-01-01
Page
15 (sequence 5)
Language
German
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Über die Grundlagen eines jüdischen Gemeinwesens IS gegenseitigen Kampfes, sondern das der freiwilligen gegenseitigen Hilfe und der gegenseitigen Förderung. — Das Buch beschäftigt sich mit den verschiedenartigen Organisationsformen der menschlichen Gesellschaft vom Beginn der Menschheitsentwicklung an, mit den Clans des primitiven Menschen, den Gentes der Barbaren, der späteren Dorfmark und mit den aus dieser sich entwickelnden „Stadt des Mittelalters". Er zeigt uns an Hand von geschichtlichen Forschungen, daß die Menschen Jahrtausende hindurch das Leben in der Gemeinschaft ohne eine Regierungsgewalt im heutigen Sinn in gerechter Weise geregelt haben und daß erst durch die Gewalteingriffe des Staates alle jene den Geist der Freiwilligkeit und der Gemeinsamkeit atmenden Institutionen, die das Volk sich selbst geschaffen, dem Volke genommen worden sind. Man wagt heute nicht mehr, daran zu glauben, daß die Menschen einmal gemeinsame Werkzeuge und gemeinsames Land gehabt haben, daß sie Jahrtausende hindurch sich freiwillig den Gesetzen und Rechtsprüchen gewählter Führer unterordneten, ohne daß hinter diesem Führer eine andere Macht gestanden hätte als die der geistigen Autorität und die der öffentlichen Meinung, Das Buch Kropotkins, dessen wesentlichstes Resultat ich des Raumes wegen hier nur kurz andeuten konnte, muß dem Menschen, der heute an dem absoluten Wert des gegenwärtigen Staates überhaupt zweifeln gelernt hat, mit neuer Hoffnung erfüllen. In den Gemeinschaften früherer Zeiten und Völker, die es schildert, war die Grundtendenz enthalten, die wir bei Beginn der Abhandlung als Kriterium des wahren Staates bezeichneten: die Gemeinschaft war einmal der Stoff gewesen, an dem die Sittlichkeit des Einzelnen sich bewährte. Es ist eine Lüge entarteter Staaten, zu lehren, es sei gegen die menschliche Natur, in einer Menschengemeinschaft aus freiwilligem Entschluß Gerechtigkeit gegenüber den Mitmenschen unter Zurückstellung des eigenen Vorteils zu üben. Nur ein Zeitalter wie das heutige war fähig, aus der Mangelhaftigkeit des heutigen, von Gott und Volk losgelösten Menschen das allgemein gültige Menschheitsgesetz aufzustellen, daß der Mensch an sich, nur äen eignen Nutzen suchend, allein durch äußeren Zwang dahin gebracht werden könnte, seine gerechten Verpflichtungen dem Mitmenschen und der Gesamtheit gegenüber zu erfüllen. Uns Juden kann die aus dem Kropotkinschen Buch gewonnene Erkenntnis nicht fremd sein. Denn der Satz: Jeder Jude ist für alle anderen Juden verantwortlich, und die aus dieser ethischen Forderung sich ergebende Idee der Freiwilligkeit bildet seit der Gesetzgebung Moses die Grundlage des jüdischen Gemeinschaftslebens. Wie eine Offenbarung sollte es heute, wo die Gewalt in die eigensten Bereiche unserer Seele eingegriffen hat, über uns Juden kommen, daß unsere Vorfahren in ihren autonomen jüdischen Gemeinschaften im Osten keine mit Polizei ausgestattete Regierungsgewalt kannten, die das Zusammenleben der Juden mittelst irgendeines Zwanges regelten; es hat in unserem jüdischen Gemeinwesen im Osten niemals Zuchthäuser, Gefängnisse, Polizei und Militär gegeben. Aber obgleich es keine Maßregeln einer Regierung gab, das gerechte Handeln innerhalb der Gemeinschaft mit Gewalt zu erzwingen, gab es wohl kaum eine Volksgemeinschaft auf Erden, in der die Verpflichtungen des Einzelnen zum Volksgenossen und zur Gesamtheit mit so großer Hingabe erfüllt wurden, wie gerade in der jüdischen Gemeinschaft Einige Tatsachen aus dem Zusammenleben der Juden im Osten werden genügen, den ungeheuren Unterschied zwischen den Grundlagen eines heutigen europäischen

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