Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 1-2
- Article
- Über die Grundlagen eines jüdischen Gemeinwesens
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 14 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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H Siegfried Lehmann: getstigte und daher gottlose Arbeit leisten muß. Er wird es daher als eine Aufgabe der Volkserzieher betrachten, den Bürger so weit zu fördern, daß er die gerechte Tat nicht mehr mechanisch, aus Zwang, sondern auf Grund seiner freien, sittlichen Verantwortung für den Mitbürger verrichtet. Aber dies ist nicht möglich! Denn der Mensch, der diese nachträgliche Durchseelung fordert, bedenkt gar nicht, daß mit jeder Stunde, wo an die Stelle der frei sich entscheidenden Verantwortung für den Mitmenschen der mechanische Zwang tritt, der Mensch an Menschlichkeit verliert Er bedenkt nicht, daß das Organ unseres freien sittlichen Entschlusses den gleichen Gesetzen unterliegt wie unsere anderen Organe, die beim Nichtgebrauch langsam absterben und verkümmern. Sieht man denn nicht, wie heute schon die vielen Arme, die die Menschen in früheren Zeiten vor der Mechanisierung ihrer Seelen durch den Massenstaat besaßen, um einander zu helfen und zu fördern, bis auf geringe Reste verfault sind? — Ein lehrreiches, oft zu beobachtendes Begebnis auf den Straßen der Hauptstadt: Zwei Pferde können einen schwer beladenen Wagen nicht von der Stelle bringen. Der Kutscher und der Mitfahrer fassen in die Speichen, ohne daß sich der Wagen fortbewegt. Es sammeln sich eine Anzahl Leute an, die interessiert den sich arg abmühenden Menschen und Pferden zuschauen. Erst nach lang andauerndem vergeblichem Bemühen der Pferde und der Fahrer entschließen sich einige Arbeiter anzufassen, während ein dem Mittelstand angehöriger Mann einen Schutzmann aufzutreiben versucht. — Er hatte den Sinn des heutigen Staates voll begriffen: Jeder für sich und der Staat für alle. Aber was hat dieser Staat, wenn er auch die gerechtesten Gesetze hätte, noch gemeinsam mit dem, welchen wir vorhin als den gerechten Staat bezeichneten? Er ist nicht mehr der Stoff, an dem die Sittlichkeit des Einzelnen dem Mitmenschen gegenüber sich bewährt, sondern, im Gegenteil, er enthebt den Bürger seiner sittlichen Entscheidungen, indem er die Verantwortung für den Mitmenschen, die Ausübung der Gerechtigkeit der Bürokratie und ihren Polizeiorganen überträgt. Man täte recht zu verzweifeln und sich mit diesem Staate als einem fürchterlichen aber notwendigen Übel abzufinden, wenn das Gesetz, welches man dem Gewaltstaat zugrunde legt, absolute Gültigkeit hätte. Dies ist aber, wie wir im folgenden sehen werden, nicht der Fall. 3- Fürst Peter Kropotkin, einer der Führer der alten anarchistischen Bewegung in Rußland, hat in seinem Buche „Gegenseitige Hilfe in Tier- und Menschenwelt" (übersetzt von Gustav Landauer) einen flammenden Protest erhoben gegen die Aufstellung dieses Grundgesetzes, daß es gegen die menschliche Natur sei, freiwillig Gerechtigkeit zu üben. Mit einer seinen Büchern eigenen Leidenschaft kämpft er gegen die herkömmliche Ansicht, der Konkurrenzkampf innerhalb einer Menschengemeinschaft werde ohne eine regelnde Gewalt mit naturgesetzlicher Notwendigkeit stets derart erbittert geführt, daß die Schwachen* Ungewandten und Kranken ähnlich wie bei den Tieren rettungslos zugrunde gehen müssen. Er hat uns gezeigt, daß diese Anschauung von dem Wesen einer Gemeinschaft für die heutige Zeit wohl typisch ist, daß sie aber jeder historischen wissenschaftlichen Begründung entbehrt. Im Gegenteil, das Prinzip, das Kropotkin in früheren Menschengemeinschaften besonders in Zeiten kultureller Höhe im Vordergrunde des Gemeinschaftslebens stehen sieht, ist nicht das Prinzip des