Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 1-2
- Article
- Wirtschaftspolitische Postulate der Juden in Ostgalizien
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 10 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3101111-3101150-3101152-3104174--3035-3104214- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
10 Josef Tenenbaumr Wirtschaftspolitische Pbstulate der Juden in Ostgalizien - amte sind, während andererseits alle erdenklichen Hindernisse in den Weg gelegt werden, um die Ratifizierung der Juden hintan zu halten. Ähnliches gilt von der Industrie, vom Handel und insbesondere vom Beamtenwesen. Dieses letztere Gebiet ist für die Juden von großer Wichtigkeit, denn die jüdische Nation besitzt den höchsten Intelligenzzensus im Lande. Im Jahre 1911/12 waren in Galizien 8414 Gymnasial- und 729 Realschüler. Die jüdischen Mittelschüler bildeten beinahe 23% der Gesamtschülerzahl und vermehrten sich im Laufe eines Dezenniums, 1901—1910, um 124 °/0. Im Jahre 1911/12 besuchten 1386 Juden die Universität in Lemberg, wo sie s6°/0 aller Hochschüler ausmachten. Die galizische Judenheit produziert massenhaft Intelligenz, welche mit Rücksicht darauf, daß andere Berufe überfüllt sind, die Beamtenlaufbahn ergreifen muß. Doch diese wird dem Juden zur Hölle gemacht. Trotz des in Ostgalizien vorherrschenden Mangels an Intelligenz werden die Juden im Verhältnis zu ihrem Intelligenzlerkontingent nur spärlich zu den Ämtern zugelassen, wobei die Ökonomen sowie die kommunalen Beamtenstellen völlig judenrein sind; sogar eine Schullehreranstellung ist den Juden unerschwinglich. In ganz Galizien gab es im Jahre 1900 ca. 1,4°/0 jüdische Lehrer auf etwa 14% jüdische Schulkinder, Seither hat sich das Verhältnis noch verschlimmert. Hier wie überall gilt das Losungswort: Schafft die Zwangsjacke vom jüdischen Wirtschaftskörper weg, denn nur dann wird der normale wirtschaftliche Kreislauf wiederhergestellt werden können. Außer diesem negativen Prinzip ist es unerläßlich, dem jüdischen Volke all das zu gewähren, was es zu seiner wirtschaftlichen Wiedergenesung braucht. Die unsinnige, jedem Wirtschaftsplan hohnsprechende Betriebszersplitterung, die Überfüllung einiger weniger Berufszweige und die kostspielige Kleinwerkstätterei, sowie die mangelhafte Berufsvorbereitung und eine ganze Reihe anderer Grundübel der jüdischen Produktion müssen einer radikalen Reform Platz machen. Zu diesem Behuf muß von dem Genossenschaftsprinzip und von der Selbsthilfe ausgiebiger Gebrauch gemacht werden, alles Dinge, welche nicht von obenher oktroyiert, vielmehr nur im eigenem Wirkungskreise mit Erfolg verwirklicht werden können. Wirtschaftliche Selbstverwaltung in den spezifisch jüdischen Wirtschaftsfragen ist eine unerläßliche Vorbedingung jeder wirtschaftlichen Reform, der Umschichtung und Umsiedlung der Juden in Ostgalizien. Das Gesagte zusammenfassend, stellen wir folgende Grundsätze fest: Die wirtschaftliche und soziale Gliederung des jüdischen Volkes in Ostgalizien ist von eigenartiger spezifischer Struktur, welche eine national-jüdische Wirtschaftspolitik erforderlich macht. Diese Politik hat folgende Postulate zur Voraussetzung: 1. Vollständige wirtschaftliche Freizügigkeit in dem von uns skizzierten Sinn. 2. Entsprechende jüdische Vertretungen in allen wirtschaftlichen Institutionen und Zentralen, insofern sie die gemeinsamen wirtschaftlichen Angelegenheiten des Landes umfassen, nach dem Schlüssel der professionellen Prozentnorm. Solche gemeinsame wirtschaftliche Institutionen sind z. B. das Landeswirtschaftsamt, die Industriekommission, das Landespatronat für Kleingewerbe, die Handels- und Gewerbekammer, das Landesernährungsamt, die kaufmännischen Gremien u. dgl.