Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1919-01-01 · Heft 1-2 · p. 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
4 (1919-1920)
Issue
Heft 1-2
Article
Wirtschaftspolitische Postulate der Juden in Ostgalizien
Date
1919-01-01
Page
9 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3101111-3101150-3101152-3104174--3034-3104213
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Wirtschaftspolitische Postulate der Juden in-Ostgalizien 9 die Landesbehörden waren sich ihrer Pflichten nicht bewußt, und so hausen noch heute Tausende von jüdischen Familien in Kellern, Löchern, Holzbaracken, jeder Substitutionsmittel bar, dem Elend preisgegeben. Die Wiederaufbautätigkeit setzte spät ein und die Juden, die verhältnismäßig den stärksten Schaden im Kriege erlitten haben, wurden fast gar nicht berücksichtigt. Im Beirat der galizischen Wiederaufbauzentrale saß kein einziger Judenvertreter. Außer diesem unmittelbar durch den Krieg verursachten Schaden gibt es eine Menge sozialer Wunden, die die mittelbare Folge des Krieges sind. Infolge der mit dem Krieg eingesetzten zentralen Bewirtschaftung wurde der jüdische Produzent und der Kleinhändler dem Ruin preisgegeben. Die Wiederaufrichtung der jüdischen Wirtschaft, wie auch der Wiederaufbau der zerstörten jüdischen Siedlungen dürfte nach vorsichtiger Schätzung einen Aufwand von etwa einer Milliarde nötig machen. Doch kann es sich heutzutage nicht nur um einen rein mechanischen Wiederaufbau des Alten handeln. Der Krieg hat immense Werte zerstört und, was die wirtschaftliche Lage der Juden betrifft, gewissermaßen eine tabula rasa geschaffen. Die Zukunft des jüdischen Volkes in Galizien und nicht zuletzt das Schicksal des Landes hängt davon ab, mit welchem Inhalt das jüdische Wirtschafts¬ und Siedlungsschema neu ausgefüllt werden wird. Die mit Riesenschritten heranrückende neue Zeit darf eine solche Not und wirtschaftliche Misere, wie sie unter den Juden Ostgaliziens geherrscht hat, nicht mehr wiederfinden. Es muß eine Reformbewegung einsetzen, welche die vollständige Umschichtung und Umsiedlung der Juden in Ostgalizien reibungslos durchzuführen imstande wäre. Denn nur dann wird die wirtschaftliche Grundlage des jüdischen Volkes erstarken und ein produktives Judentum geschaffen werden, das wirtschaftlich befriedigt ein Hort des Fortschrittes und des nationalen Friedens sein wird. Ein unbefriedigtes, der Willkür des Zufalls und der Laune der jeweiligen Machthaber im Lande preisgegebenes Judentum darf es im national gemischten Ostgalizien nicht mehr geben. Es darf kein Herd der Unzufriedenheit und künftiger Konflikte im Osten Mitteleuropas bleiben. Bekanntlich wirkt nichts so sehr verbitternd, wie wirtschaftliche Depossedierung und soziale Degradierung, um so mehr, wo es sich um eine so selbstbewußte und geistig entwickelte Nation, wie es die jüdische ist, handelt. Damit aber diese Reformbewegung ungehindert vor sich gehen kann, ist den Juden ungeschmälerte wirtschaftliche Freizügigkeit zu gewähren. Dieses erste Gebot der Judenemanzipation besteht bis heute nur auf dem Papier. Manche Ortschaften sind noch jetzt gewohnheitsrechtlich den Juden versperrt, und auch sonst existieren Beschränkungen, die jeden wirtschaftlichen Aufstieg illusorisch machen. In Galizien existiert eine jüdische Landwirtschaft und zahlreiche Judenfamilien haben ihre Eignung zu diesem Berufe bewiesen. Trotzdem ist eine Seßhaftmachung der Juden auf dem Lande unmöglich, solange die polnische öffentliche Meinung jede Veräußerung von Grund und Boden an die Juden zum nationalen Verrat stempelt und zahlreiche aus öffentlichen Mitteln gespeiste Parzellierungsinstitute genau darüber wachen, daß der Grund und Boden von der jüdischen „Invasion" freibleiben soll. Einerseits wird fortwährend den Juden vorgeworfen, daß sie sich der harten Arbeit an der Scholle entziehen, obwohl von den 46066 jüdischen Berufstätigen in der Landwirtschaft nur über 500 Großgrundbesitzer, etwa 2000 Pächter und ebensoviel Be-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.