Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 1-2
- Article
- Wirtschaftspolitische Postulate der Juden in Ostgalizien
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 8 (sequence 4)
- Language
- German
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8 Josef Tenenbaum: Polen das Schlagwort der Selbsthilfe und der Industrialisierung des Landes in die Massen geworfen, wobei sie aber in erster Reihe die Ausschaltung der Juden aus dem wirtschaftlichen Kreislauf predigten. Es entstand eine Reihe Selbsthilfsorganisationen, insbesondere landwirtschaftlicher Genossenschaften, die den Juden immer mehr aus dem Dorfe verdrängten, und auch in den Städten wurde eine schnöde Boykottbewegung aufgewirbelt und unter dem Rufe: „Kaufe bei den Deinigen" dem ganzen jüdischen Handel der Krieg erklärt. Sämtliche Landesinstitute wetteifern mit zahlreichen Lokalorganisationen, um die Juden immer mehr zu depossedieren und ihnen den Aufenthalt im Lande zu verleiden. Die jüdischen Landessteuern wurden dazu benützt, um dem Juden einen konkurrenzfähigen Nachbarn zu erziehen. Für die jüdischen Handwerker und Kaufleute bestanden weder Fachnoch Fortbildungsschulen, noch wurde irgend etwas zu ihren Gunsten unternommen. Dagegen gab es Beschränkungen auf Beschränkungen. Der jüdische Produzent mußte 48 Stunden feiern, weil ihn ein Gesetz dazu zwang, außer Samstag noch den Sonntag hindurch Geschäftssperre zu halten. Eine Verordnung über Befähigungsnachweis, das Hausierergesetz, die Scheinnovelle und eine ganze Reihe von Beschränkungen und Erlässen sind ergangen, um den Juden auf wirtschaftlichem Gebiete zugrunde zu richten. Noch mehr als die Gesetzgebung war die Verwaltung beflissen, das wirtschaftliche Fortkommen der Juden zu hemmen. Die wirtschaftliche Ingerenzsphäre der Landes¬ und Bezirksgewaltigen war ein Retorsionsmittel bei den Wahlen und bei jeder Gelegenheit, wo der Hörige etwa seine freie Meinung zu äußern wagte. Das Zunftwesen, das in Österreich neubelebt wurde, nahm in Galizien mittelalterliche Attribute an und ward den Juden eine Quelle von Verfolgungen und Beschränkungen auf wirtschaftlichem Gebiet. So wirkten alle Faktoren mit, um dem Juden den Boden heiß zu machen und seine Existenzgrundlage zu vernichten. In den letzten 30 Jahren vor dem Kriege, denen Galizien seinen kräftigen Aufschwung zu verdanken hat, stieg die Not ins Ungeheure und trieb die jüdische Bevölkerung scharenweise aus dem Lande. Im Laufe der letzten drei Jahrzehnte wanderten aus Ostgalizien 173108 Juden aus bei einer Auswanderungsquote der Gesamtbevölkerung von 379050 Seelen. Diese riesenhafte Emigrationsbewegung konnte aber der steigenden Judennot nicht steuern und es konnte auch keine Philanthropie dieses Ziel erreichen, denn alle Faktoren, die die Machtmittel besaßen, zeigten trotz der mit theatralischem Effekt regelmäßig einberufenen Enquete keine Geneigtheit, von diesen Mitteln zugunsten der Juden Gebrauch zu machen. Zum alten Übel kam nun ein neues, welches die unsichere wirtschaftliche Existenzgrundlage der Juden vollends zertrümmert hat. Es ist dies der Krieg mit seinen vornehmlich für die Juden katastrophalen Folgen. Fast ein Drittel der galizischen Judenheit mußte überstürzt, Hals über Kopf die Heimat verlassen und alles Hab und Gut der Willkür der eigenen und der feindlichen Soldateska preisgeben. Ganze jüdische Siedlungen schwanden dahin, und jüdische Stadtviertel wurden völlig niedergebrannt. Die jüdischen Flüchtlinge, welche ganz mittellos in die Westländer der ehemaligen Monarchie fluteten und dort wie Parias in Barackenlagern unter Hunger und Seuchengefahr zusammengepfercht leben mußten, kamen nach vier Jahren des Exils krank und verkrüppelt in die Heimat zurück, wo ihrer noch größere Qualen harrten. Die bankrotte österreichische Regierung tat nichts zu ihren Gunsten, und auch