Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 1-2
- Article
- Wirtschaftspolitische Postulate der Juden in Ostgalizien
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 7 (sequence 3)
- Language
- German
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Wirtschaftspolitische Postulate der Juden in Ostgalizien 7 Von den 871895 Juden in Galizien waren nur etwa 38 vom Hundert, 326953 Juden erwerbstätig. Davon entfielen 46066 berufstätige Juden auf die Landwirtschaft, 78691 auf Industrie und Gewerbe, I7471* waren im Handel und Verkehrsgewerbe tätig, es gab 15823 jüdische Beamten und zu den freien Berufen Zählende. Von je 100 Berufstätigen leisteten 13 landwirtschaftliche Arbeiten, 23 waren in Industrie und Gewerbe tätig, 51 entfielen auf Handel und Verkehrgewerbe, 5 waren Beamte oder übten irgendeinen freien Beruf aus. Ein Vergleich mit dem Wirtschaftsschema der beiden Nachbarnationen zeigt uns, daß auch hier die Juden eine exzeptionelle Stellung einnehmen. So waren die Polen zu 72% der Landwirtschaft berufszugehörig, i2°/0 zählten zu Industrie und Gewerbe und 5°/0 zum Handel. Die Ukrainer zeigen einen noch minder differenzierten Wirtschaftstypus, indem etwa 9O°/0 der ukrainischen Bevölkerung auf der Scholle tätig sind, 3% in der Industrie und nur 2°/0 im Handel. Die soziale Schichtung der Juden steht ebenso am Pranger der wirtschaftlichen Anomalie. Von den 342742 berufstätigen Juden in Galizien waren 171697, somit über die Hälfte selbständige Unternehmer, 18535 Angestellte, 61644, somit i8°/0, Arbeiter, 10779 Taglöhner, der Rest entfällt auf die sog. „mithelfenden Familienangehörigen4*. Die ungeheure Hypertrophie der Selbständigkeit beim Mangel einer stark entwickelten Landwirtschaft und die Verkümmerung der Arbeiterschaft charakterisiert zur Genüge die kleingewerbliche und kleinkrämerische soziale Form der jüdischen Wirtschaft und zeugt von einer Betriebszersplitterung, wie sie nur in den Uranfängen der kapitalistischen Ära zu finden ist. Der jüdische Sozial- und Wirtschaftstypus ist dem Siedlungsschema vollständig korrelat. Die Nachbarnationen kleben an der Scholle, während die Juden den Typus des städtischen Mittelstandes präsentieren. Auf dem Gebiete der wirtschaftlichen Vermittlung behaupteten die Juden bis vor kurzem fast konkurrenzlos den Platz, sie können noch heute ohne verderbliche Ausstrahlungen auf den gesamten Wirtschaftsorganismus des Landes nicht schlechthin vertrieben werden. Diese Tatsache wurde insbesondere während des Krieges experimentell vor die Augen geführt, als infolge der Ausschaltung der jüdischen Wirtschaftsfunktion während der Russeninvasion das ganze Land fast dem Hunger preisgegeben war. Diese wirtschaftliche Funktion ist besonders bedeutsam in Ostgalizien, wo die kapitalistischen Wirtschaftsformen sich noch nicht durchsetzen konnten und wo der Zustrom vom Lande her ein geringer und der Urbanisierungsprozeß des Landvolkes ein viel zu langsamer ist, als daß die jüdische wirtschaftliche Tätigkeit von einer der Nachbarnationen heute entbehrlich gemacht werden könnte. In Ostgalizien waren nach einer älteren Zusammenstellung im Jahre 1900 etwa 70°/0 der jüdischen Berufstätigen im Handel tätig, fast 9o°/0 des Warenhandels Tag in jüdischen Händen. Galizien steht erst an der Pforte der kapitalistischen Ära und man kann von einem Verdrängen der reaktionären jüdischen Klerigsproduktsformen durch kapitalistisch ausgestatete Unternehmungen schwer sprechen. Doch wo der wirtschaftliche Faktor dem jüdischen Fortkommen nicht abhold ist, kommt ein anderer in Betracht, ein grimmiger, böswilliger Judenfeind, und zwar das Politicum. Die Polen, die seit 1879 die eigentlichen Herren des Landes sind und darin nach Gutdünken schalten, haben aus rein wirtschaftlichen Faktoren eine politische Waffe geschmiedet und sie gegen die Juden gerichtet. Seit den 80 er Jahren {siehe als Korrelat die absteigende Bevölkerungskurve der Juden) haben die