Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 1-2
- Article
- Wirtschaftspolitische Postulate der Juden in Ostgalizien
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 6 (sequence 2)
- Language
- German
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6 Josef Tenenbaum: Die nichtjüdische Bevölkerung ist also eine überwiegend bäuerliche. Anders die Juden. Nach der Volkszählung vom Jahre 1910 gab es in Lemberg 57387 Juden, wo sie 28°/0 der Gesamtbevölkerung erreichten. 157013 wohnten in 19 Städten, wo sie 39°/9> und 185532 in 83 Städtchen, wo sie 42% der Bevölkerung ausmachten. Auf dem Lande saßen 258790 Juden und bildeten dort 6°/0 der Bevölkerung. Das Siedlungsgebiet der Juden weist folgende Prozentsätze auf: 9°/0 Juden wohnen in Lemberg, 23°/0 in Städten, 29% in Städtchen, 39°/0 in Dorfgemeinden. Die Juden sind somit ein überwiegend städtisches Element und haben die denkbar ungünstigsten Verhältnisse aufzuweisen. Das jüdische Siedlungsgebiet ist kein einheitliches, sondern ein zerrissenes und zerstückeltes. Die Juden haben zwar größere Zentren aufzuweisen, doch sind diese wie Inseln im Meere der fremdnationalen eingestreut Sie füllen die Lücken eines geschlossenen fremdnationalen Gebietes aus, wie sie es auch in wirtschaftlicher Hinsicht tun. Sie sind dichter zusammengedrängt in geschlossenen ukrainischen Bezirken, bedeutend spärlicher gesät in den mehr polnischen Kreisen. Zwei Städte gibt es mit einer absoluten jüdischen Majorität und zwar: Brody mit 12188 Juden (68°/0) und Buczac2 mit 7777. In 8 Städten erreichen die Juden ein relatives Übergewicht und sind <fte stärksten an Zahl den Ukrainern und Polen gegenüber. Es sind dies Drohobycz mit 15313 (44,2°/0), Stryj 10718 (34,6°/0), Stanislau 15213 (45,6°/0), Kolomea 18930 (i4>4°/o)> Sokal 4516 (38,9°/0), Zölkiew 8845 (4O,6°/0), Zloczow 5234 (39,6%)» und Tarnopol mit 13997 (4I>3°/0) Juden. In den restlichen 9 Städten sowie in Lemberg bilden die Juden eine respektable Minorität Noch dichter ist die städtische Bevölkerung in den Kleinstädten (laut Statut von 1896) zusammengedrängt. Diese Siedlungsgebiete tragen größtenteils eine vorwiegend jüdische Färbung. So hatten von 83 Städtchen Ostgaliziens 25 eine absolute, 25 eine relative jüdische Majorität und der Rest starke Minderheiten aufzuweisen. Diese an sich ansehnlichen Zentren hängen sozusagen in der Luft, es fehlt ihnen die Grundlage einer gesunden Siedlung und zwar das jüdische Dorf. Dieses Dorf wird aber immer mehr von Juden entblößt und gibt fast seinen ganzen natürlichen Zuwachs an die umliegenden Städte und Städtchen ab. Doch auch diese Zentren sind dem Verfall preisgegeben und können den Zuzug nicht entbehren. Die jüdische Entwicklung hält den anderen Völkern nicht stand und schwindet immer mehr zugunsten der Nachbarvölker. Im Jahre 1880 gab es noch 7 Städte und 40 Städtchen mit absoluter jüdischer Majorität, heute sind es, wie gesagt, nur 2 Städte und 25 Städtchen. Die vehemente Landflucht trägt zur weiteren Urbanisierung der jüdischen Bevölkerung bei. Doch wirkt dieser Urbanisierungsprozeß nicht im Sinne einer Stärkung des städtischen Elementes, sondern vergrößert die Not der pauperisierten Städte und wird von der vor sich gehenden Abwanderungswelle unterfaßt. Welchen Machtfaktoren ist diese Tendenz der Selbstverstümmelung zuzuschreiben, oder mit anderen Worten, warum macht das jüdische Volk von der ihm nun einmal gewährten Freizügigkeit keinen Gebrauch, um sich eine bessere Siedlung und dadurch wirtschaftliche Verhältnisse zu schaffen? Bevor wir dieses Problem beleuchten, wollen wir einen Blick auf die wirtschaftliche und soziale Schichtung der Juden werfen.