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Der Jude · 1919-01-01 · Heft 1-2 · p. 4

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
4 (1919-1920)
Issue
Heft 1-2
Article
Unsere nationalen Forderungen und die Friedenskonferenz
Date
1919-01-01
Page
4 (sequence 4)
Language
German
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4 Theodor Behr: Unsere nationalen Forderungen und die Friedenskonferenz forderungen macht. Soll auch diese Hoffnung enttäuscht werden? Eine Pogromwelle geht über Polen, ein Pogromschrecken durchrast die Ukraine, unter Pogromfurcht atmen die Juden der Slowakei, jeder Tag bringt neue Greueltaten. Aber noch brachte kein Tag das entscheidende Wort aus dem Munde eines der Mächtigen, die jetzt in Paris residieren, das eine Wort, das genügen würde, Einhalt zu tun. Es bedarf dazu keiner Heere, es sind keine Verwicklungen zu befürchten. Wenn die Friedenskonferenz in Paris die Pogrome verbietet, werden keine mehr stattfinden. Zu viel steht für die Mördernationen auf dem Spiel, als daß sie es wagen würden, sich weiter ihrem Blutrausch hinzugeben. Zu viel auch sollte für die Menschheit auf dem Spiel stehen, als daß Clemenceau und Lloyd George und Wilson nicht endlich ihr Schweigen brechen sollten. Aber wenn die Verbrechen, die jetzt am jüdischen Volk begangen werden, geschehen konnten noch angesichts der Friedenskonferenz, noch im Bereich ihrer Gewalt, was wird sein, wenn die Konferenz zu Ende sein wird? Wenn die Völker wieder frei von der Scheu vor der Versammlung in Paris sich ihren Instinkten ungehindert hingeben können? Pogrome müssen ja nicht immer die Form blutiger Überfälle tragen, auch die gewollte Pauperisierung, die systematische Depossedierung des Handels und des Handwerks, die allmählich herbeigeführte Zerstörung der Volkskraft führt zum beabsichtigten Ziel, dem Verschwinden der Juden. Besondere Gelegenheiten zu solcher Tätigkeit bietet der bevorstehende wirtschaftliche Wiederaufbau. Eine riesenhafte Wiederaufbauarbeit steht allen Völkern und Staaten im weiten Gebiet des ehemaligen russischen Reiches bevor. Große Mittel werden in die Länder fließen, sie neu zu gestalten, von Grund auf umzuformen, einer neuen Entwicklung entgegenzuführen. Maschinen werden eingeführt, Gerät wird bereitgestellt, Werkzeug wird beschafft werden, Kassen und Genossenschaften werden sich bilden, Träger der neuen Wirtschaftsordnung geschaffen werden müssen. Kann das zu einem guten Ende kommen, wenn die Polen, die Rumänen allein darüber zu bestimmen haben, die Juden nicht mitbestimmen dürfen, in Recht und Ordnung frei wirkend und frei sich unterordnend? Man hat vielleicht etwas zu sehr den politischen Charakter der nationalen Forderungen betont. Und das Wort „Autonomie" — von allen mißverstanden und von jedem einzelnen anders gedeutet — hat tatsächlich große Verwirrung angerichtet. Aber die Verwirrung braucht nicht zu bleiben, es ist ganz klar, was gewollt ist: die Selbstverwaltung des jüdischen Volkes im Rahmen der staatlichen Notwendigkeit, die die jeweilig beiden Völker aufeinander einstellen, miteinander ausgleichen wird. Die Freiheit, die den Haß beseitigt und die Versöhnung herbeiführt. Es darf nicht geschehen, daß das jüdische Volk vernichtet werde im Angesicht der nationalen Heimstätte in Palästina, die ihm die Friedenskonferenz gegeben haben wird. Garantien müssen geschaffen, Sicherheiten gefunden werden, und darum muß das Verlangen der Juden erfüllt werden, das auf Verankerung ihrer nationalen Existenzmöglichkeit in dem neuen Völkerbundsvertrag gerichtet ist. Wir brauchen das Golus noch, wir sind noch darin und werden zum großen Teil darin bleiben, auch wenn Palästina unser sein wird. Wir brauchen das Golus noch für unser Leben hier und für unser Leben in Palästina. Palästina wird zugrunde gehen, wenn wir hier versklavt werden. Wir lesen, daß in England große Protestkundgebungen stattfinden, daß die vornehmsten Träger der englischen Politik sich an die Spitze der Bewegung

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