Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 1-2
- Article
- Unsere nationalen Forderungen und die Friedenskonferenz
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 5 (sequence 5)
- Language
- German
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Josef Tenenbaum: Wirtschaftspolitische Postulate der Juden in Ostgalizien 5 stellen, die den Abscheu der Welt gegenüber den Pogromen zum Ausdruck bringen will. Wir haben es von England nicht anders erwartet. Aber man soll wissen, daß das nicht genügt. Proteste nützen nichts mehr und werden in Zukunft noch weniger nützen. Und wenn eins uns verhaßt ist, dann ist es das Hilfswerk an uns, ausgeübt am Tage nach dem Pogrom. Rechte müssen uns gegeben werden und müssen gesichert werden, und man sollte wirklich schon wissen, daß das Bürgerrecht nicht genügt. Der Völkerkrieg ist entstanden, weil es unterdrückte nationale Minoritäten gegeben hat. Der Völkerfrieden wird nicht werden, wenn man die Unterdrückung der nationalen Minoritäten weiter zuläßt. Am Fall der Juden wird es sich erweisen, ob die Friedenskonferenz es ernst meint mit dem Frieden. Theodor Behr WIRTSCHAFTSPOLITISCHE POSTULATE DER JUDEN IN OSTGALIZIEN Im Jahre 1772 kam Galizien an Österreich mitsamt den etwa 200000 Juden, die sich am dichtesten in Ostgalizien konzentrierten und dort 6 vom Hundert der Gesamtbevölkerung erreichten. Zu etwa einem Drittel saßen sie auf dem Lande, während der Rest, über zwei Drittel, die der jüdischen Siedlung freigegebenen Städte und Städtchen bewohnt. Die traurige wirtschaftliche Lage der Juden, die seit dem 17. Jahrhundert eine immer düsterere wurde, verschlimmerte sich nach der österreichischen Okkupation noch mehr, und trotzdem die Reformen Kaiser Josefs IL anscheinend die Entwicklung der Landwirtschaft unter den Juden bezweckten, waren seine anderweitigen wirtschaftlichen Beschränkungen auf dem Lande für die Judenschaft katastrophal und verursachten eine massenhafte Abwanderung in benachbarte Gebiete Ungarns und Polens. Erst mit dem Anbruch einer freieren Zeit und insbesondere seit der endgültigen Gleichberechtigung der Juden im Jahre 1867 begann ein merklicher wirtschaftlicher Aufschwung unter den Juden. Der Jude durfte sich von nun an frei bewegen, durfte ungehindert seinem Handwerk nachgehen und ungehemmt am Lande seine Tätigkeit entfalten. So hieß es auf dem Papier, und diese papierene Freiheit genügte für eine kurze Zeit, um das Rückgrat der jüdischen Wirtschaft etwas zu stärken und auch die Siedlungsverhältnisse günstiger zu beeinflussen. Man kann das aus folgenden Zahlen ziemlich genau herauslesen: Vom Jahre 1776 bis 1817 blieb die Zahl der Juden konstant — im Jahre 1831 bildeten sie 5,60/0 der Gesamtbevölkerung, 1846 6,4%, 1857 7%, 1890 n,6°/0, dagegen 1900 nur 11%, 1910 sogar 10,9%. Diese in den letzten Dezennien sinkende Prozentnorm spricht eine beredte Sprache. Die weiteren Ausführungen, wobei wir uns womöglich auf Ostgalizien beschränken rnöchten, werden diese Zahlen noch beleuchten. Ostgalizien hatte auf einem Gebiete von 54000 Quadratkilometer im Jahre 1910: 5335821 Einwohner. Davon waren 3293037, d. u 6i,7°/0, Ukrainer, 1349626 Polen (röm.-kath.), etwa 25,3% und 658722, somit 12,3% Juden. Das polnische Element ist bis zu 27% in Städten und Städtchen angesiedelt und 73°/ö auf dem Lande, die Ukrainer sitzen zu 92% in Dörfern und 8% in Städten und Märkten.