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Der Jude · 1919-01-01 · Heft 1-2 · p. 3

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Journal
Der Jude
Volume
4 (1919-1920)
Issue
Heft 1-2
Article
Unsere nationalen Forderungen und die Friedenskonferenz
Date
1919-01-01
Page
3 (sequence 3)
Language
German
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IRI
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Unsere nationalen Forderungen und die Friedenskonferenz 3 tierte Vertretung entsprechend ihrer zahlenmäßigen Stärke in den gesetzgebenden Körperschaften, Beseitigung aller Ausnahmegesetze, vollkommene Durchführung der tatsächlichen Gleichberechtigung, Berücksichtigung ihrer sozialen, kulturellen und wirtschaftlichen Bedürfnisse gemäß der allgemeinen Entwicklung des Landes, und zur Sicherung dieser Forderungen eine ihrem Vorschlag entstammende Vertretung in der Regierung — in Wahrheit, was spricht dagegen? Wird damit die Ruhe eines Volkes gestört oder seine nationale Entwicklung beeinträchtigt? Will denn ein Pole Polen dadurch polnischer machen, daß er die Juden polonisiert? Keiner denkt daran, am allerwenigsten die Chauvinisten, die sich am wütendsten gegen die nationalen Forderungen der Juden sträuben. Die Ruhe jedes Landes wäre garantiert, das harmonische Nebeneinanderleben der Völker wäre gesichert, die engste Einfügung der Juden in den Staat und ihre stärkste Verbundenheit mit seinen Erfordernissen wäre gewährleistet. Warum soll es nicht sein? Aber es scheint, als seien dies nicht die Gesichtspunkte, unter denen die Friedenskonferenz die Absicht hat, die Frage zu behandeln. Nicht darum geht es ihr, daß das Recht der Juden gesichert, daß das Einverständnis der Nationen geschaffen, daß ihr friedliches Zusammenleben verbürgt werde*); sondern darum, daß man die Polen nicht kränke, die Rumänen nicht verstimme, die Ukrainer, die Tschechoslowaken nicht in ihrem Glauben wankend mache, daß ihnen von Paris aus das Heil kommt. Glaubt man, daß einer in Paris noch daranzweifle, wie es um die Judenfrage bestellt ist? Daß irgend welche Denkschriften noch nötig seien, um nachzuweisen, daß die Polen es sich zu ihrer eigentlichen nationalen Aufgabe gemacht haben, die Juden auszurotten, daß die Rumänen zu allen anderen Zugeständnissen eher bereit sind, als zu dem, in den Juden Menschen und . Bürger zu erkennen, daß die verschiedenen Bandenführer, die sich jeweils in der Ukraine in der Regierungsgewalt abwechseln, vor allen Dingen Wert darauf legen, nicht der Möglichkeit beraubt zu werden, die Juden ihren als nationales Heer bezeichneten Räuberbanden zum Plündern hinzuwerfen? Wenn über irgend etwas, dann liegt die Wahrheit klar zutage über die Lage der Juden in Osteuropa und über das, was sie dort zu erwarten haben. Kommissionen der Interalliierten waren und sind in Warschau .und in "Prag, in Lemberg und in Czernowitz, in Kiew und Odessa. Sie haben gesehen, was sich dort begibt. Sie brauchen ja nur die polnische Presse zu studieren, sie brauchen bloß einer Sitzung der polnischen Konstituante beizuwohnen, sie brauchen bloß einmal dabei zu sein, wenn ein Pogrom vor sich geht (und wie die Dinge augenblicklich liegen, dürfte es einer Untersuchungskommission schwer fallen, nicht bei einem Pogrom anwesend zu sein), und sie wissen zur Genüge, was ist und was sein wird. Viel ist in diesem Kriege geschrieben worden über die beispiellose Art, mit der es die Deutschen verstanden haben, die Liebe und Achtung, die ihnen das jüdische Volk in der Welt bis dahin aus alter Überlieferung entgegengebracht hatte, auszutilgen. Eine tiefe Enttäuschung ist damals über das jüdische Volk gekommen, und mit umso größerer Inbrunst wandten sich seine Blicke der anderen Seite zu, Frankreich zu, das immer an der Spitze des Kampfes für Menschenrechte gestanden hat, England, dem traditionellen Freund des jüdischen Volkes, Amerika, dessen Präsident sich zum Wortführer der neuen Menschheits- *) Nach zuverlässig erscheinenden Mitteilungen ist die Aufnahme einer die Rechte der Juden garantierenden Klausel in die Verfassung des Völkerbunds in Paris in Gegenwart des polnischen ^d des rumänischen Vertreters erörtert — und nicht beschlossen worden. (Anm. d. Red.) i*

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