Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 12
- Article
- Ruf zur rechten Zeit [Rezension]
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 585 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3101111-3101137-3101149-3104104--3011-3104161- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Bücherschau 58s keit der Situation wird er Dolmetsch M. J. Berdyczewskis in dem Aufsatz, der dem Buche den Titel gibt. Jerusalem: das mit all seinen Organen erdhaft lebende, als soziologisch faßbares Gebilde vorhandene jüdische Volk der Antike (und, ganz schwach und verzerrt, des Ostens) wird gegen Jawne gestellt, gegen das leiblos spirituelle Judentum, gegen das Galuth, in dem der Judenmensch verdorrt und verstaubt, und in dem nur der „Jude" als abgezogener, abgeschiedener Geist in einer künstlichen Umwelt, dem ewigen Ghetto, dem selbstgewollten, selbstgeschaffenen Ghetto geisterhaft und unheimlich existiert. „Die jüdische Kultur hat aufgehört, die Summe der Produktivität der einzelnen Juden zu sein"; „wir schielen immer nach der Kultur eines anderen Volkes, weil wir keine eigene profane besitzen" (S. 39). Ist das nicht die Einleitung zu dem großen Disput mit dem traditionsergebenen Judentum, welches jetzt allen Ernstes daran denkt, die lebende Wirklichkeit des palästinensischen und modernen Judenlebens in die Formen zu pressen, die nie auf lebender blühender Erde, die nur in der Spirit-Umwelt des Ghettos so gegolten haben, wie dieses traditionelle Judentum sie heute propagiert — zu einem Disput, der unabwendlich ist, immer dringender wird und dem der Zionist mit dem Hinweis auf die „religiös-neutrale" Haltung der Organisation und auf den Misrachi nicht länger ausweichen sollte? Gerade mit dem Misrachi wird und muß die Auseinandersetzung beginnen, so erfordert es die Achtung vor dem Problem und die Kameradschaft zu unseren misrachistischen Brüdern, denn mit ihnen wird der Kampf unter Richtungsgenossen, Weggenossen ohne Gift und Haß möglich sein; und zwei Proben solcher unpolemischen Auseinandersetzung, die tiefsten Stücke des Buches, gibt Bergmann, wenngleich er sich mit dem einen gegen Maurenbrecher (S. 80) und mit dem zweiten (S. 86 „Kiddusch haschem", uns seit dem Buch „Vom Judentum*1 teuer) gegen niemanden zu wenden scheint. Aber weil „gegenüber dem religiösen das nationale Judentum Rückkehr zur Weltlichkeit und Wirklichkeit ist" (S. 21), schwingt hinter all solchen Untersuchungen die Frage mit, wie sich diese Realität, dies religiöse Judentum, mit unserem neuen Suchen und Finden endlich ehrlich abfinden werde. Es hieße das Buch ausschreiben, wenn alle die Stellen hier in einen Zusammenhang gehoben werden sollten, in denen Bergmann mit den anderen, ebenso dringlichen Problemen der Stunde in redlicher , vornehmer und sachlich - leidenschaftlicher Berührung ist. Er hält eine Mitte inne, zu der sie alle hinstreben, und darum schneiden sie sich in ihm; weil er aber ein so herzhaft Erkennender ist, vermögen sie ihn keinen Augenblick aus dieser Mitte zu entführen. Er, der ausgezeichnete Hebraist, erklärt: „Der nationale Jude will auch das Hebräische, aber nur weil er hofft, daß die Juden dadurch ganze, innerlich geeinigtere Menschen werden. Wo die Gefahr besteht, daß das Hebräische etwas Unnatürliches wird und das Menschentum darunter leiden könnte, wird er diese Forderung fallen lassen". (S. 21). Wie rein ist hier der Kern ausgesprochen, und wie ebenso klar lautet sein Bekenntnis zum Jiddischen: „Unser Volk ist da, weil es seine Volkssprache, die jiddische hat" (S. 31); und jeden Einwurf zu Gunsten des Hebräischen als purer Parole schneidet das Wort des Wissenden ab: „Man ist in zionistischen Kreisen theoretisch für das Hebräische und spricht faktisch — polnisch oder russisch" (ebda.). Überall, noch einmal und immer wieder gesagt, rührt dieses Buch an die wirklichen Fragen, an die schmerzenden Nerven dieser so geliebten und so gefälschten zionistischen Bewegung. Aller Schematismus, jedes abgezogene, in Formen, Vereinsfakten und Phrasen selbstzufriedene Wesen findet sich von ihm enthüllt und durch nichts als das ruhig-feststellende Wort geistig angeprangert; alle Laster einer von Juden dieser Zeit getragenen Organisation entschleiern sich ... Steht nicht auch in ihr alles auf Reden, Beschlüssen, wirklichkeitslosen, das Leben des Zionisten keineswegs ergreifenden, umformenden, reinigenden Worten, Begriffen, Ideen, Phrasen? Was unterscheidet den normalen Zionisten vom nichtzionistischen Juden, sobald man sich mit den „wirklichen Volksfragen beschäftigt, mit der jüdischen Familie, der Erziehung (nicht bloß der fälschlich allein so genannten jüdischen), dem Liebesleben, der Volksgesundheit, mit der Berufswahl, mit der von Juden gelesenen Presse, mit ihrem religiösen Leben" (vgl. S. 20)? Nichts, nicht wahr? Aber ein namenloser Unterschied sollte in der Tat bestehen: der Unterschied zwischen dem, der eine Veränderung zu wollen in Worten vorgibt, und dem, der seinen Willen kundtut, dies zu ändern. Wirklichkeit... Wirklichkeit: ich höre die ärgerlichen und beleidigten Stimmen der jungen Juden, die Bergmann unterbrechen wollen und rufen: „Was soll uns Wirklichkeit? Wo bleiben wir, der Geist, die Idee"? Nun, er, der Geist, ist hier am Werke. Er arbeitet, er dient. Dem die Wirklichkeit miß-