Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 12
- Article
- Ruf zur rechten Zeit [Rezension]
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 586 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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586 Daten und Materialien achtenden Zionismus antwortet Bergmann: „Der Gedanke hat die Wirklichkeit zu bewältigen, nicht sich ihr zu beugen4* (S. 18); „Wir sind Wirklichkeitsmenschen, nur daß unsre Wirklichkeit nicht von heute, sondern von morgen ist" (S. 68); und befragt, gegen wen der echte Nationalismus der Juden am härtesten zu kämpfen habe, als gegen seine boshafteste Verführung und Verfälschung, würde Bergmann wohl entgegnen: „Er bekämpft allein das Wurzellose und darum wirkungslose Geistige welcher Art immer, weil er den Geist verwirklichen will" (S. 22). Ist dieser „Geist" nur außerhalb des Zionismus zu finden? Hat er sich nicht schon kräftig in ihn verfilzt und eingewuchert? . . Ich breche ab. Es gibt viele Probleme noch, die Bergmann in seiner stillen, männlichen Art ergreift und klärt: überall aber, ob er nun den kapitalistischen Geist aus Palästina verweist, ohne die romantische Irrung gegen die maschinellen Arbeitsmethoden, sofern sie menschlich bleiben, mitzumachen, ob er die ökonomische Unabhängigkeit und die innere Neutralität der zukünftigen Judensiedlung miteinander in Beziehung setzt (S. 69), ob er über die Arbeit oder über die Araber spricht — und gerade über diese spricht er so menschlich klug als jüdisch würdig (S. 55): überall ist nicht die theoretische Meinung eines Schriftstellers ausgedrückt, sondern die wirkliche zentrale Notwendigkeit des jüdischen Lebens läßt sich hören, diese Notwendigkeit, welche fast Weisheit ist, und die so schmucklos und klar daherkommt, wie Weisheit immer tut. Und so begreifet: dies ganze Buch, jeden dieser Aufsätze muß jeder Jude gelesen haben, der sich Zionist nennt. Denn es ist der Ruf zur rechten Zeit, weil solcher Ruf zur Besinnung, von solchem Rufer kommend, immer an der Zeit ist. Wer Ohren hat zu hören, der höre. Arnold Zweig DATEN UND MATERIALIEN Die jüdische Auswanderung aus den Vereinigten Staaten von Amerika*) Die jüdische Auswanderung aus Amerika wurde in der Literatur bis jetzt recht stiefmütterlich behandelt. Mit Unrecht. Denn wenn es klar ist, daß die Ergebnisse der sozialwissenschaftlichen Analyse der jüdischen Auswanderung dazu dienen können, um auf die Lage der Juden in den Auswanderungsländern Rückschlüsse zu ziehen, so ist es nur verständlich, wenn auch das jüdischamerikanische Leben bei der Untersuchung der jüdisch-amerikanischen Auswanderung manch neues Streiflicht bekommt. Ratzel sagt einmal, daß „einmal in Bewegung gekommene Völker für Jahrhunderte in einer gewissen Unruhe verharren, welche sie dazu treibt, beim geringsten Anstoß ihre Sitze zu verlassen". Nun ist allerdings der Grad der Seßhaftigkeit der jüdischen Einwanderungsbevölkerung Amerikas noch so hoch, daß eine entschiedene Verschiebung der *) Die nachfolgenden Ausführungen bilden einen Auszug aus dem zweiten Abschnitt eines demnächst bei A. Marcus & E. Weber in Bonn erscheinenden Buches von Wlad. W. Kaplun- Kogan: „Die jüdischen Wanderungen in der neuesten Zeit. 1880—1914". dortigen Zentren wenigstens bis jetzt noch nicht festgestellt werden konnte. Die Juden gehen nach Amerika mit dem entschiedenen Wunsch, sich dort auf immer niederzulassen. Aber es wäre trotzdem irrig, die massenhafte Ansiedlung der Ostjuden in Amerika als die endgültige letzte Etappe ihrer Wanderungen zu betrachten. Die nachstehende Tabelle unterrichtet über die jüdische und italienische Auswanderung Jüdische und italienische Auswanderung aus Amerika Jahre Juden Italiener absolut in % absolut in % 1907— 1908 1908— 1909 1909— 1910 1910— 1911 1911— 1912 1912— 1913 1913— 1914 7702 6105 5689 6401 7418 6697 6826 7,44 10,60 6,75 7,01 9>2 6,6 4,9 167335 86439 55203 76218 109 887 90 052 85430 423 454 247 .40,12 67,7 32,8 27,9 aus Amerika in den Jahren 1908—1914. Der Prozentsatz der jüdischen Auswanderer ist nicht groß. Er schwankt zwischen 4,9 und 10,6°/0; die Schwankungen sind unbedeutend. Die italienische Auswanderung ist viel beträchtlicher: sie macht zwischen 27,9% und 67j7°/o der Einwanderung aus. Die Schwan-