Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 12
- Article
- Ruf zur rechten Zeit [Rezension]
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 584 (sequence 1)
- Language
- German
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BUCHERSCHAU Ruf zur rechten Zeit Dem Buche Hugo Bergmanns, von dem hier, allzu kurz, die Rede ist, und dessen Titel „Jawne und Jerusalem"*) den wahren Wert des darin Enthaltenen keinesfalls ahnen läßt, ist eine zeitgemäße Bedeutung beizumessen, die nicht zuüberschätzen ist. Wessen bedarf das zionistische Judentum vor allem? Der Durchtränkung mit Wirklichem. Nicht der Zionismus, der einzelne Zionist, nicht das Judentum, der einzelne, lebendige, existente Jude ist unsere dringlichste, bitterernst zu nehmende und bitterschwere Aufgabe. Man ist seit jeher froh gewesen, davon wegzusehen, und man berauscht sich jetzt in den großzügigsten Ausblicken, die der politische Moment uns öffnet. Um so eindringlicher nehme man die Gelegenheit wahr, von einem so tiefen Kenner des heutigen Judentums, von einem so ganz lebendigen, so ehrlichen und unerbittlich konsequenten Menschen wie Bergmann die Wahrheit zu hören: daß die jüdisch-nationale Aufgabe jenseits all dessen liegt, was durch Politik, Organisation, Bewegung ausgedrückt und bewältigt werden kann. Woran geht man heute? An die irgendwie, nur möglichst schnell und möglichst großzügig durchzuführende Auffüllung Palästinas mit Juden. Was aber ist nach Bergmann (nach Herzl, nach Buber, nach allen redlichen Denkern) das Wesen und Ziel des Zionismus? „Durch die Errichtung einer jüdischen Gemeinschaft und zwar mehr durch den Prozeß des Errichtens als durch die vollendete Tatsache der fertigen Gemeinschaft" — (zweimal lesen! noch einmal lesen!) „soll das jüdische Volk zu einem würdigen, sittlichen Dasein geführt werden" (S. 9). Mag sein, daß uns der Augenblick vor die Notwendigkeit zu Massenhandlungen stellt; um so weniger darf der Handelnde, will er nicht ganz gewissenlos werden, diese wesentliche Erkenntnis, diese unsere echteste Aufgabe, das was den Zionismus von jeder Siedelungsgesellschaft unterscheidet und scheidet, auch nur für kurze Zeit aus dem Herzen verlieren. Nehmen wir Palästina wie irgend ein anderes Volk, so hätten wir auch *) Jüdischer Verlag, Berlin, 1919. Uganda in gleichem Geiste ergreifen können; nicht das Land, sondern der mit dem Lande identische Geist Zions ist es, der jedem Zionismus und dem Zionisten Wesen und Würde gibt. Mahnworte solcher Art stehen in Bergmanns Schrift buchstäblich auf jeder Seite, ohne daß sie doch von polemischem Geiste ist. Hier hat nur statt, daß die nationale Idee des Judentums, und damit des Zionismus, einen Menschen ganz und gar erfaßt hat; nicht aber so, daß ein nur politisches oder gar organisierendes Wesen aus ihm wurde, indem ein Agitator an Stelle eines Menschen trat: sondern der Mensch mit all seinen Sinnen, Verflechtungen und Verpflichtungen durchtränkte sich mit Judentum und spricht sich nun aus, so natürlich und umfassend, so klar und redlich wie ein Mensch nur reden kann. Und dies sein Sein wird ihm bewußt als etwas von jedermann zu Forderndes, nicht im Sinne der Höhe, wohl aber in dem der Richtung des Wirkens: „Der Jude soll, wo immer er tätig ist" (auch «außerhalb der jüdischen Gemeinschaft, fremde Äcker pflügend und besäend) „als Jude tätig sein können; der Mutterboden unserer Arbeit soll, wie dies bei federn normalen Volke der Fall ist, unsere Gemeinschaft sein; ihr — und durch sie der Menschheit — soll der Segen alles dessen zuströmen, was wir tun" (S. 11). Aus dieser Totalität und Rundheit des Judeseins kämpft Bergmann gegen das bloße Bekenntnis zum nationalen Judentum, gegen den Zionismus als Ornament, gegen die organisierende Tätigkeit als Loskauf vom jüdischen Leben. Der Zionist, der sich damit begnügt, organisiert zu sein und andere zu organisieren, gleicht dem „Wohltätigen", der sich mit einem jährlichen Beitrag zum Verein gegen Hausbettelei von jeder Wohltätigkeit losgekauft hat: „So kann es denn geschehen, daß der Eintritt in die zionistische Organisation das beste Mittel ist, um sich gegen die moralischen Forderungen des Zionismus zu verschließen" (S. 15). Und wer wollte leugnen, falls er nur die durchschnittlichen Zionisten wirklich kennt, daß ein erschreckend großer Teil von ihnen diesem Manne gleicht? Bergmann spricht aus, was überall wirklich ist; und mit diesem Blicke für die Wirklich-