Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 12
- Article
- In Safed
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 582 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- article
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582 Hadassah bath Mordechai: In Safed denn die Mädchen wollten so vieles wissen. Die größte Überraschung bereiteten sie uns am Purimfest. Wir mußten vormittags weggehen, dürften bis Mittag nicht nach Hause kommen. Sie wollten dieses Mal alles selber machen. Und sie hatten es wirklich hübsch und geschmackvoll hergerichtet. Nicht uns einfach nachgemacht, sie hatten die Blumen anders gesteckt, die Tische anders gestellt und waren nun sehr begierig zu wissen, ob das auch hübsch wäre. Heimlich hatten sie neue hebräische Lieder, hebräische Gedichte gelernt, um uns damit zu überraschen. So erwachte in ihnen der Trieb, geben zu wollen, selbst zu schaffen und anderen Freude zu bereiten. Es erwachte allmählich in ihnen das Gefühl, daß es nicht schön wäre, immer nur von anderen zu empfangen. Eines Tages sagte ich ihnen, wir wollten ein paar Minuten vor Sonnenuntergang schließen, und dem Sonnenuntergang von dem ganz nahe neben der Stadt gelegenen Berg zusehen, „Das dürfen wir nicht, das können wir nicht, wir dürfen nie allein außerhalb der Stadt gehen, nicht einmal am Tage, um wie viel weniger am Abend. Die ganze Stadt spricht schon lange darüber, daß die „Gwereth" allein in die umliegenden Dörfer geht und daß ihr noch nichts passiert ist Die Gwereth trägt aber einen großen Hut und da denken die Araber, sie wäre eine Engländerin, und deswegen tun sie ihr nichts." So scholl es mir aufgeregt entgegen. „Aber wir, wir gehen nicht, man wirft uns mit Steinen, man belästigt uns." Und es half nichts, daß ich ihnen vön den wunderschönen Plätzen erzählte, die ich entdeckt hätte. Safed ist eine wundervoll gelegene Stadt. Und die Mädchen kannten nichts, als die engen schmutzigen Straßen. Von unserer Schule hatten wir einen weiten Ausblick auf das Gebirge hinaus, und wie oft sagten sie: „wir möchten dorthin und dahin, da muß es schön sein, aber wir können nicht". Es ist wahr, jeder Araberjunge hält es für seine Pflicht, Steine nach vorbeigehenden Juden zu werfen, — hier würde es auch jeder Straßenjunge tun, wenn er nicht eine schallende Ohrfeige dafür bekäme. Aber den Juden steckt das Knechtische so in den Gliedern, daß sie es nicht einmal wagen, einen Araberjungen zu verprügeln. Sie schimpfen ihn höchstens aus und drohen ihm. Der Araberjunge aber weiß Bescheid. Das wollte ich unseren Mädchen austreiben. Die Schule wurde früher geschlossen, ich stieg auf den Berg, drei oder vier Mädchen mit mir. Es war'ein wundervoller Abend. Vor uns in weiter Ferne lag tief schwarz der Kinerethsee, und die weißen Türme der Stadt Tiberias leuchteten zu uns herauf. Rings herum lagen still und gewaltig die Bergketten. Wir konnten hinübersehen, bis zum Karmel, und hinter uns grüßte uns der Hermon mit seinem weißen Kopfe. Die Mädchen hatten keine Ahnung von der Geographie. Sie. kannten wohl die Namen der Berge, Seen, hatten aber keine Vorstellung von ihrer Lage. Bei tiefster Dunkelheit, die Sterne standen schon lange am Himmel, kehrten wir heim. Und das nächste Mal kamen noch einige mehr mit. Und als die anderen hörten, daß wir fast nie Araber dort oben getroffen hätten, kamen bald alle mit. Diese Abendspaziergänge machten wir fast täglich und verlegten auch unseren täglichen Dauerlauf hinauf auf den Berg. Als wir ihn das erste Mal da oben machten, meinten die Leute in der Stadt, wir wären nun ganz verrückt geworden. Eines Tages sagten wir ihnen, wir wollten um drei Uhr schließen und einen größeren Spaziergang machen, ins Tal hinunter zu einer sehr schön gelegenen Quelle. Und wieder war es nur ein kleiner Teil, der mitging, und die bestanden darauf, daß ich mir den Hut aufsetzte. Kaum waren wir aus der