Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 12
- Article
- In Safed
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 581 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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- Safed 1× ep/1046078
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In Safed fach ohne Besatz genäht wären. Da erzählte ich ihnen von den Wilden, die sich gar Federn in die Haare steckten, gar das Gesicht färbten, erzählte von Tätowierungen, von den Damen in Europa, die aus ihren Köpfen Obst- und Blumengärten gemacht hatten. Wie sinnlos es wäre, mit solchen herangezogenen äußerlichen Dingen die Natur verbessern zu wollen. Sie hörten mir zu, erwiderten nichts. Und als ein Mädchen ein neues Kleid bekommen sollte, bat sie mich, mit ihr den Stoff auszusuchen und ihr bei der Machart behilflich zu sein, und so bürgerte es sich allmählich ein, daß sie nichts mehr ohne uns machen ließen. Die Baumwolle verschwand aus den Haaren und das Rot von den Fingernägeln, und mit den hellgelben Leinenschürzen war die Klasse ein herzerfreuender Anblick. Und dann fingen wir an zu turnen, jeden Vormittag eine halbe Stunde mit anschließendem Dauerlauf. Und öfter machten wir noch einen Dauerlauf am Nachmittag. Als ich ihnen das erste mal einige Übungen, die Arme heben, Knie beugen vormachte, guckten sie erst entsetzt. Aber dann brachen sie in ein schallendes Gelächter aus, gerieten außer Rand und Band, versuchten die Übungen nachzumachen, dabei kamen aber solch komische Sachen heraus, daß ich ebenfalls da stand und sehr lachen mußte. Ich ließ aber nicht locker, bei jeder neuen Übung mußten sie sich erst ordentlich auslachen, und dann machten sie sie nach. Später fingen wir an, die Übungen nach Liedern zu machen, und als gar eines Tages Herr Wolkomitsch, der Leiter der hebräischen Schulen Obergaliläas, uns besuchte, und darum bat, daß die Mädels ihm vorturnten, und ihnen nachher sagte, wie schön er das finde, und wie gesund es gerade für sie sei, die doch den ganzen Tag sitzend zubrächten, da waren sie sehr befriedigt und glaubten nicht mehr, daß das eine besondere Eigenart von mir wäre. Das Chanukkahfest rückte immer näher. Die Mädchen übten fleißig an ein paar Turnübungen mit Liedbegleitung. Die Eltern sollten kommen und einige Herren aus der Stadt. Mit Hilfe einiger zuverlässiger Mädchen trafen wir die Vorbereitungen. Es sollte Tee gereicht werden, Kuchen und Früchte. Den Saal hatten wir geschmückt mit grünem Laub und Blumen, die Tische bekamen weiße Decken und Blumen verstreut und in Vasen. Jeder hatte seine Tasse, seinen Teller, seinen Löffel (das Übliche ist, daß mehrere einen Löffel benutzen und Teller überhaupt nicht gegeben werden). Als Beleuchtung dienten Kerzen. Die Mädchen hatten noch nie so etwas gesehen, eine mit Blumen geschmückte Stube, einen gedeckten Tisch. Und jeder hatte das seinige, es brauchte nicht einer auf den anderen zu warten. Jeder saß an seinem Platze und wurde bedient. Auch bei den größten Festlichkeiten sitzen nur wenige an den Tischen, die meisten sitzen auf Stühlen herum. Eine Ausschmückung der Zimmer kennt man kaum. Die Hausfrau legt all ihr Können in die Zubereitung der Speisen, die in einer Schüssel von Hand zu Hand gehen. Unser Chanukkahfest war sehr schön, die Mädchen turnten sehr hübsch, die Eltern waren gerührt und beglückt, der Direktor der Anglo Palestine Bank hielt eine Ansprache, und bis tief in die Nacht hinein blieben wir zusammen. Die Mädchen waren gegangen, aber noch lange hörten wir hebräische Lieder und Schalomrufe aus den Straßen zu uns herauftönen. Und manch einer mag, aus dem Schlaf emporgeschreckt, zum Fenster rausgeguckt haben ob der nächtlichen Ruhestörer. Es verging kein Fest, kein Gedenktag, den wir nicht zusammen begingen. Jeden Sabbathnachmittag lasen wir zusammen oder unterhielten uns,