Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 12
- Article
- In Safed
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 580 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3101111-3101137-3101149-3104102--3003-3104156- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
58o Hadassah bath Mordechai: Wir wollten diese Mädchen zu einer Gemeinschaft bringen, wir wollten, daß sie über ihre Arbeit hinaus einen inneren seelischen Zusammenhang fänden, und dazu war die erste Vorbedingung die gemeinsame Sprache. Und es glückte. Nach einiger Zeit wiederholten sie ihre Lektionen für die hebräische Stunde. Was sie gelernt hatten, wandten sie immerfort an, und das Stimmengewirr im Saale wurde immer lauter und deutlicher, so daß wir bald Mühe hatten, die Gesellschaft in Rand und Band zu halten. Zu gleicher Zeit setzte der Kampf mit der Kleidung und der Körperpflege ein. Gegen bemalte Fingernägel, überladene Gewänder und Anflechten von Baumwolle^in die Zöpfe konnten wir zu Anfang noch nichts sagen. Zuerst schickten wir diejenigen nach Hause, die ungekämmt, ungewaschen oder mit zerrissenen Strümpfen und Kleidern ankamen. Wir nahmen keine Rücksicht auf weiten Weg, auf schlechtes Wetter. Sie mußten sofort wieder nach Hause, die Sachen zurechtmachen oder andere anziehen. Nie hat man in der Alliance oder in der Mission versucht, von diesen Kindern etwas zu verlangen, sie zu irgendetwas anzuhalten. Man fürchtete immer, sie würden wegbleiben. Und deswegen guckten uns die Mädchen immer ganz verdutzt an; sie taten schließlich, was wir ihnen sagten, aber ihre Verwunderung kannte keine Grenzen. Und dann fingen sie an, etwas Geld zu verdienen. Wir machten ihnen den Vorschlag, sich Arbeitsschürzen anzuschaffen. Die Schulkasse würde ihnen das Geld vorschießen, und sie sollten dann monatlich etwas von ihrem Gehalt abgeben. Dieser Vorschlag brachte doch einige aus der Fassung. Die anderen Schulen machten Geschenke, diese Schule hätte in der ersten Zeit gar nichts gegeben, dann nur einen ganz kleinen Lohn, und von dem sollte man noch etwas abgeben! Und einige kehrten zur Mission zurück. Das beirrte uns aber nicht. Wir hatten es uns fest vorgenommen, die Mädchen nicht durch Geld an uns zu knüpfen, sie sollten aus Liebe in unsere Schule kommen. Und wenn eine Mutter kam und sagte, sie würde ihre Tochter gern zu uns geben, wenn wir so viel zahlen würden wie die Mission, so verzichteten wir auf die Tochter. Und im Lauf der Zeit verließen gegen zwanzig Mädchen die Schule und gingen zur Mission zurück. Auch in der Mission wurden seit vier Jahren die Spitzen genäht. Die Mädchen bekamen aber keinen Extralohn dafür. Nur richtete man dort eine Klasse ein, in der Spitzen genäht wurden, die weit besser bezahlt wurden als bei uns. Wir erkannten immer mehr, daß wir auf sehr steinigem Boden arbeiteten, daß es sehr schwierig sein würde, auch nur eine kleine Gesellschaft von Mädchen zusammen zu bekommen, auf die wir uns unbedingt verlassen konnten. Aber die Schürzen wurden doch gekauft und die Mädchen mußten sie selbst bezahlen. Und wie ganz anders sah die Klasse um Chanukkah herum aus! Es war eine Freude, diese blitzsauberen Mädels anzusehen. Eine paßte auf die andere auf, wir brauchten nicht mehr morgens mit Argusaugen herumzugehen, hatte eine doch aus Versehen einen Strumpf mit einem Loch an, dann wurde ihr das sofort gesagt und sie verschwand, ohne daß wir sie bemerkt hatten. Ja, sie fingen gar an zu wetteifern im Haarwaschen und Kleiderwechseln. Die „Mädchen aus der Spitzenschule*' erkannte man bald in den Straßen. Und dann kamen sie und fragten, warum ich denn nicht meine Fingernägel färbte, warum ich denn nichts in den Haaren hätte und warum meine Kleider so ein-