Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 12
- Article
- In Safed
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 577 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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In Safed 577 Eifer^ was ihnen nur geboten wurde, und der. traurigste Tag ihres Lebens war es, wenn sie mit der Schule zu Ende waren. Wenn sie ins Haus zurückkehrten, zu den häuslichen Arbeiten, wenn sie allmählich über der vielen Arbeit im Hause, denn ein Dienstmädchen gibt es nicht, das bißchen, was sie gelernt hatten und woran ihr Herz hing, vergaßen. Was sollte aus ihnen werden? Wen sollten sie heiraten? Sie waren doch schon in die fremden Schulen gegangen, sprachen doch schon Englisch oder Französisch. Sie waren doch schon etwas aufgeklärt, hatten sich im geheimen von vielen Formen losgesagt, waren nicht mehr so abergläubisch. Die Jungen, die die gleiche Entwicklung genommen hatten, wanderten aus, und die andern, die in den Jeschiwoth saßen, die konnten sie nicht mehr heiraten. Diese Mädchen lebten ein freud- und sonnenloses Dasein. Viele ergaben sich ihrem Schicksal, viele gerieten auf Abwege, brannten durch nach Ägypten, nach Damaskus, nach Amerika oder sonst wohin und wurden in der Heimat nicht mehr gesehen. Ein nicht geringer Prozentsatz fiel in die Hände von Mädchenhändlern oder sonstigen Ausbeutern, Nun wird von altersher in der Türkei von den städtischen Frauen und Mädchen die Palästinaspitze gearbeitet. Es ist eine Spitze, die mit Nähnadel und Faden ohne sonstige andere Hilfsmittel genäht wird. In dieser Technik unterscheidet sie sich von allen anderen Nähspitzen. Diese Technik bindet die Arbeiterinnen nicht an vorgelegte Muster, ihrer Phantasie ist Raum gegeben, zu nähen, was sie gerade mag. Viel Geduld und Ausdauer gehört zu dieser Arbeit. Aber die Frauen, die in ihrem Harem sitzen, haben ja die Zeit und Muße dazu. Davis Trietsch entdeckte bei den Araberinnen diese Spitze und machte den Verband jüdischer Frauen für Kulturarbeit in Palästina darauf aufmerksam. Frau Dr. Thon, die Vertreterin des Verbandes, gründete dann eine Spitzenschule in Jaffa, die sich schnell und gut entwickelte, und als ich im Jahre 1909 nach Palästina kam, gab es schon Schulen in Jerusalem, Jaffa und Tiberias. Die Mädchen zeigten viel Eifer und Geschick, vor allem hatten sie eine Arbeit und konnten selber verdienen. Nachdem ich anderthalb Jahr in Safed gelebt hatte, viel mit Alter und Jugend zusammen war, ihre Sprache sprechen konnte, ihre Sitten kennen gelernt hatte, alles mit ihnen mitmachte, als wäre ich bei ihnen groß geworden, entschloß ich mich, dahin zu arbeiten, daß auch in Safed eine Spitzenschule eröffnet werde. Ich wußte, daß ich von Seiten der Eltern auf harten Widerstand stoßen würde. Safed liegt abseits von den neuen Kolonien. Der neue, „verderbenbringende" Hauch wehte hier nur ganz schwach, und die Eltern versuchten noch mit aller Gewalt, ihre Kinder im alten Sinne zu erziehen. Aber die Mädchen machten mir Mut. Kurz entschlossen ritt ich hinunter nach Tiberias in die dortige Spitzenschule und lernte die Technik. Nach fünf Wochen täglicher Arbeit war ich so weit. Inzwischen hatte der Verband jüdischer Frauen seine Einwilligung erteilt. Herr Soffermann, ein hebräischer Lehrer aus Galizien, war gerade mit Frau und Kindern nach Safed gekommen, um eine hebräische Knabenschule zu gründen. Seine Frau sollte mit mir zusammen die Spitzenschule leiten. Gemeinsam bezogen wir ein schönes großes Haus am Rande der Stadt. Oben war die Spitzenschule und unsere Privatwohnung, und unten war die Knabenschule. Rechts von uns die Schule der französischen Alliance und links, die englische Missionsschule. Einer konnte den anderen in die Fenster gucken. Und nun ging es an die Einrichtung der Schule, die aus einem riesengroßen