Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 12
- Article
- In Safed
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 576 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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576 Hadassah bath Mordechai: schickten sie nicht in den hebräischen Kindergarten, nicht in die hebräische Schule, die heilige Sprache sollte nicht Umgangssprache werden. Wer aber seine Kinder doch in diese neuen Schulen schicken wollte, dem wurde die Chalukah entzogen, d. h. er wurde brotlos gemacht. Und man ging heimlich in die neuen Schulen. Die Kinder verheimlichten es vor den Eltern, oder Eltern und Kinder zusammen vor der Gemeinde. Aber nicht nur die hebräischen Schulen besuchte man heimlich, viel viel mehr noch die englischen Schulen der Mission. Die Jugend war eben nicht mehr zu halten, nicht die Jungen und nicht die Mädchen. Sie hörten so vieles von Europa erzählen, von großen Städten, von hellerleuchteten Straßen und Palästen, von Theatern, von Konzerten, von großen Männern. Sie hörten von Paris, und Amerika stand ihnen als letztes, erstrebenswertestes Idol vor Augen. Und deswegen mußten sie heimlich englisch lernen, lesen, schreiben, rechnen. Sie wollten nicht mehr im engen, kleinen Städtchen sitzen, tun, was ihre Väter und Urgroßväter getan. Hinaus aus dem Elternhaus, das Leben wollten sie sehen. Und der eine kam zu mir, er möchte Mathematikstunden. Er zeigte mir ein Rechenbuch, das er schon durchgearbeitet hatte, und nun wollte er weiter. Ein anderer wollte Deutsch, Englisch, Französisch, irgendeine andere Sprache, denn mit Jargon könne er doch nicht in andere Länder fahren! Und dann fragten sie mich nach meinem Leben, und bis zum Schluß laß ich in ihren Augen nichts anderes als maßlose Verwunderung. Sie konnten es nicht fassen, daß ein Mensch das Land ihrer Sehnsüchte, dieses Europa aufgegeben hatte, zu ihnen kam, ihr Jargon und Hebräisch lernen wollte. Und auch die Mädchen kamen. Sie bestaunten zuerst meine Kleider. Die Stoffe gefielen ihnen, aber die Einfachheit der Machart, das Fehlen jeglicher Spitze, jeglichen Besatzes, die zurückhaltenden Farben, das begriffen sie nicht. „Und warum tragen Sie denn gar keinen Schmuck, keine Halskette, kein Ohrgehänge, kein Armband?" Und sie zeigten mir ihre buntbemalten Perlhalsketten, bunt angestrichene Glasarmbänder und brachten ihre schönsteh, mit wertlosen Spitzen übersäten, schreienden Kleider an. Man muß nämlich wissen, daß es außer den Chalukahjuden oder den Aschkenasim noch die Sephardim gibt, die von Spanien vertrieben nach dem Orient auswanderten, die die hebräische Sprache reiner erhalten haben, als die Aschkenasim. Die Sephardim sind keine Chalukahempfänger, meistens sind sie Handwerker und werden deswegen von den Aschkenasim verachtet. Die Sephardim sind in ihren Sitten und Gebräuchen den Orientalen sehr ähnlich. Eine sephardische Frau ist auf der Straße, in ihr schwarzes Gewand gehüllt, von einer Orientalin nicht zu unterscheiden. Nun aber gilt es auch für die städtische Araberin, daß sie Stoffe zu ihren Kleidern aus Europa bezieht, Schuhe aus Paris, und zwar liefert Europa nur die häßlichsten, schlechtesten Sachen für den Orient. Die wunderschöne orientalische Tracht beschränkt sich auf die Landfrauen. Was die Jüdinnen ferner noch angenommen haben, ist das Färben der Fingernägel, das Einflechten von Baumwolle in die Zöpfe, damit sie länger werden, das Tragen von Amuletten. In all den Mädchen, den aschkenasischen und den sephardischen, lebte eine starke Sehnsucht. Sie waren viel schlimmer daran als die Jungen. Die Jungen gingen doch eines Tages mit oder ohne Zustimmung der Eltern von dannen, aber ein Mädchen 1 Ein Mädchen durfte ja nicht einmal allein außerhalb der Stadt gehen. Aber auch sie gingen heimlich in die verbotenen Schulen, lernten mit großem