Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 12
- Article
- In Safed
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 575 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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In Safed 575 Palästina waren. Und dann vergingen wieder einige Jahre, und ich bat meine Eltern, mich nach Palästina zu schicken. . Wären die Großeltern nicht da gewesen, dann wäre ich wohl so schnell nicht hinüber gekommen. An einem Freitag Nachmittag erreichte ich nach sechsstündigem Eselritt von Tiberias aus die Stadt Safed in Obergaliläa, in der meine Großeltern wohnten. Die Kunde von meiner Ankunft ^atte sich schnell verbreitet, und bald lief hinter meinem Esel die ganze Jugend her. Von überall her erscholl es: „die Teitschke kommt" und „kick nur den Hut" und „wos far a Mantel sie tragt" und „kick nur die Kofers". (Als im darauf folgenden Jahr der erste vierrädrige Wagen unter unsäglichen Schwierigkeiten nach Safed kam — Safed liegt hoch oben im Gebirge und keine fahrbare Straße führte dahin — wurde ich lebhaft an meinen Einzug erinnert. Wiederum lief alles hinter ihm her, beguckte ihn von allen Seiten und knüpfte die drolligsten Bemerkungen daran.) Und dann der erste Sabbath in Safed. Es ist dort Sitte, daß Freunde und Bekannte des Hauses^ teilnehmen an der Freude über den Besuch. Man kommt am Freitag Abend oder Sabbath, um den Besuch zu bewillkommnen, und beglückwünscht die Angehörigen: ,,es möge der Besuch viel Freude ins Haus bringen." Und mit einem „zulieb die Gäst" überreichen sie irgendeine Herrlichkeit, sei es Torte; Konfekt, Wein oder andere Leckerbissen. Kurzum, die Stuben saßen voll; die Tische waren überdeckt mit Herrlichkeiten. Wer nur irgendwie Beziehungen hatte zu meinen Großeltern, mußte seine Neugierde befriedigen und sich die „Teitschke" ansehen. In Safed wohnen zum größten Teil Chalukahjuden. Sie haben nichts mit den jungen Juden zu tun, die Palästina wieder urbar machen wollen. Im Gegenteil, die Chalukahjuden wohnen nur in Städten. Es sind Menschen, die Landarbeit als etwas Unjüdisches ansehen, jedes Handwerk verachten. Die Idee der Chalukahjuden enthielt in ihrem Ursprung sehr viel Reines und Schönes. Sie sollten im Heiligen Lande wohnen und in der heiligen Schrift lesen und forschen. Für ihren Unterhalt sorgten die Brüder in Galizien und Rußland, die an fremdes Land gekettet waren, die für ihren Lebensunterhalt arbeiten mußten und keine Zeit für den jüdischen Geist fanden. In jedem Hause, und war es noch so klein, hing statt dessen ein Büchslein, und jeden Freitag vor dem Lichtzünden warf die Mutter, warfen die Kinder ihre Groschen hinein. Unddas Geld aus diesen Büchsen ergab Tausende und Abertausende, ermöglichte all den armen Familien ein sorgloses Leben im Heiligen Lande, das dem Thorastudium gewidmet war. Aber mit den Jahren kamen die Schäden dieses Systems zutage. Eine Jugend wuchs heran, die nichts anderes tun sollte, als lernen und forschen. An sich ein beneidenswertes, schönes Dasein, nur ist es nicht jedermanns Sache. Und die Chalukahjuden vermehrten sich sehr, so daß die Spenden nicht mehr hinreichten, alle sorglos zu unterhalten. Und viele machten sich kleine Kramläden auf, und viele bildeten sich zu regelrechten Schnorrern aus, die ihre Bittbriefe über die ganze Welt zerstreuten. An richtige Arbeit dachte niemand, die galt immer noch als verächtlich. Und dann wehte plötzlich ein neuer Hauch durch das Land. Es kamen junge Juden, auch junge Mädchen. Sie wurden einfache Landarbeiter, einfache Handwerker, taten goische Arbeit. Mit Entsetzen wandten sich die Chalukahjuden von ihnen, denn jene übten nicht die vorgeschriebenen Gesetze —, und sie hüteten und bewahrten ihre Kinder vor diesen gefährlichen Einflüssen. Sie 42*